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Full text: Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin / Harnack, Adolf von (Public Domain)

Historiker: Eichhorn, Neander. 
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wie einen Raub“. In seinen zahlreichen kirchenhistorischen Mono— 
zraphieen und in seiner „Kirchengeschichte“ tritt die wellliche, poli— 
tische und nationale Seite zurück; auch die Verknüpfung der Er— 
eignisse sowie die Darstellung ihrer Entwicklung ist unvollkommen, 
und in der ältesten Kirchengeschichte hat sich Neander von theolo— 
dischen Vorurtheilen nicht ganz zu befreien vermocht. Aber diese 
Mängel verschwoinden, sobald man überschlägt, in wälchem Zustande 
er die Kirchengeschichtschreibung vorgefunden hat: Neander hat 
lebendiges Interesse und Lust an der Kirchengeschichte erweckt, weil 
er sie mit dem Auge des dankbaren Freundes betrachtete; er hat 
das Quellenstudium der Kirchengeschichte belebt, man darf fast sagen 
begründet, weil er ein herrliches Ziel dieses Studiums kannte — 
den geistigen Verkehr mit hohen Ahnen; er hat die Kirchengeschichte 
der Religionsgeschichte zurückgegeben, weil er den Pulsschlag christ⸗ 
lichen Empfindens und Lebens auch unter fremden und spröden 
Hüllen zu fühlen verstand. Als ein Jünger Christi und der Ro— 
mantiker entdeckte er in allen Zeiten der Kirche werthvolle Er— 
scheinungen, deren Bekanntschaft sich lohnte, und sah den christ⸗ 
lichen Geist auch dort wirksam, wo ihn Niemand mehr gesucht 
hatte. In jedes Jahrhundert trat er ein, aber in keines schloß 
er sich ein, und durch kein einziges wollte er sich reichere An— 
schauungen verengen lassen. Die zarteste Empfindung verband er 
dabei mit einem eisernen, keineswegs romantischen Fleiß. Er hat 
Manches gründlich erforscht und erzählt, was vor ihm Niemand 
erwähnt oder gewürdigt hat. Schon deswegen gebührt ihm ein 
hoher Platz in der Wissenschaft; aber sein Hauptverdienst besteht 
in der neuen Würdigung geschichtlicher Erscheinungen, an der er 
mitgearbeitet hat. An die Stelle theilnahmloser und daher oft 
lüchtiger Betrachtung und anmaaßender Kritik setzte er die Be— 
mühung um ein inneres Verständniß. Von Hegel freilich wollte 
er nichts lernen, und mit der Indifferenz des historisch-kritischen 
Rationalismus drängte er auch hohe Tugenden desselben zurück; 
aber die strengste Wahrhaftigkeit zeichnet seine „Kirchengeschichte“ 
aus, die ihres Reichthums und der Selbständigkeit der in ihr 
niedergelegten Forschungen wegen auch heute noch von keinem 
Kirchenhistoriker entbehrt werden kann, obgleich jede Seite umge⸗ 
schrieben werden muß. Im Jahre 18839 in die Akademie aufge— 
nommen, hat er in ihrer Mitte Vorträge aus allen Theilen der 
Kirchengeschichte gehalten. Mit Vorliebe aber behandelte er The⸗ 
mata aus der Geschichte der griechischen Philosophie in ihrem Ver—
	        
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