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Full text: Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin / Harnack, Adolf von (Public Domain)

Philologen: Böckh. 
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Nur selten behandeln sie Specialfragen der philologischen Wissen— 
schaft, vielmehr bevorzugen sie die Probleme des modernen Denkens 
und der neueren Geschichte; aber sie zeigen in jedem Satze den 
Weisen, der aus dem Studium des Alterthums Lebenserfahrung, 
Menschenkenntuiß und eine wahrhaft liberale Denk- und Sinnes— 
art gewonnen hat. In der Zeit der Reaction scheute sich Böckh 
nicht, in diesen Reden auch ein mannhaftes Wort zu sprechen und 
seine Stimme gegen die drohende kirchliche und theologische Um⸗ 
klammerung der Wissenschaft zu erheben. Die Besonnenheit, mit 
der er das that, sicherte dem Wort eine tiefgehende Wirkung. 
Rühmten die jüngeren Collegen Raumer's erfrischendes, freimüthiges 
Wesen, so fügten sie hinzu, daß Böckh's Persönlichkeit ihnen noch 
mehr gewesen sei: „er war von allen Docenten doch der Erste, 
ein Vorbild für Denken und Handeln“.) Auch der Ministerialrath 
Johannes Schulze bezeugte nach Böckh's Tode seine hohe Verehrung 
für ihn und fügte hinzu, nie habe ein Mißlaut ihr gegenseitiges 
VLerhältniß gestört.?) 
Die Hauptbedeutung Böckh's für seine Specialwissenschaft läßt 
sich kurz zusammenfassen: er hat den von F. A. Wolf aufgestellten 
Begriff und die Aufgabe der klassischen Alterthumskunde mit eigen— 
thümlichen Modificationen aufgenommen und gegenüber den engeren 
Grenzen, in welchen G. Hermann und seine Schule die Philologie 
halten wollten, siegreich durchgesetzt. Dies wäre ihm nicht ge— 
lungen — denn durch Programme allein ändert man nichts —, 
wenn er nicht selbst eine lebendige Vorstellung von dem Zusam⸗ 
menhang der Einzelerscheinungen mit dem Volksganzen, aus dem 
sie hervorgegangen, besessen hätte, und demgemäß in seinen Ar— 
beiten zeigen konnte, wie der erweiterte Begriff der Philologie in 
die Wissenschaft einzuführen sei und welche Frucht diese Erweite— 
rung schaffe. Nicht seine Studien über Plato und das platonische 
Weltbilb, über die Tragiker, über Pindar u. s. w. kommen hier in 
erster Linie in Betracht, obgleich in ihnen eine Fülle neuer Beob— 
achtungen mitgetheilt ist — was es heißt, ein Gedicht Pindar's 
zu verstehen, hatte vor ihm Niemand auch nur von fern be— 
griffen —, auch nicht seine metrischen Studien, obgleich sie die 
moderne Richtung der Metrik bestimmt haben, endlich auch nicht 
das Corpus Inscriptionum Graecarum. obgleich es an Umfang 
) Siehe Vatke's Leben (dargestellt von Beneke) S. 268. 
2) Varrentrapp, Johannes Schulze, S. 444.
	        
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