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Viertes Buch. Geschichte der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften nach ihrer Reorganisation unter Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV. (1812-1859) Erstes Capitel. Die Geschichte der Akademie von ihrer Reorganisation bis zum Tode Friedrich Wilhelm's III. (1812-1840)

Full text: Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin / Harnack, Adolf von (Public Domain)

Hegel. Die Naturwissenschaften. 
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sene und Gegebene zu entwickeln. Wohl hat sich Goethe in der 
Epoche seiner Vollendung der einseitig ästhetisch-aristokratischen 
Weltbetrachtung endlich entzogen und seine Weltanschauung in 
engere Fühlung mit der Geschichte und mit den großen Mächten, 
die sie bestimmen, gesetzt; aber durch geheimnißvolle Aphorismen 
und Reflexionen hindurch zum Verständniß und zur Einheit seiner 
Gedanken durchzudringen, war nur Wenigen gegeben. Hegel ge— 
wann und behauptete das Feld! Zwar stellte sich ihm in Berlin 
Schleiermacher entgegen — wir werden sehen, wie diese Spannung 
auch die Geschichte der Akademie beeinflußt hat —, aber mehr ab— 
wehrend als aggressiv. 
Haben die sogenannten Geisteswissenschaften aus der Epoche 
des Hegel'schen Principats bleibende Früchte gezogen, so erfuhr der 
eben erst begonnene Aufschwung der exacten Naturwissenschaften 
in Deutschland durch die neue Lehre eine schwere Hemmung. Noch 
glichen diese Disciplinen in unserem Vaterland zarten Pflanzen, die 
sich Luft und Licht der herrschenden Naturphilosophie gegenüber 
erkämpfen mußten, und schon erwuchs ihnen in der Hegel'schen 
Philosophie ein neuer Feind. Sie war zwar im Einzelnen nicht 
ganz so anmaaßend wie die Schelling'sche Naturphilosophie, aber 
dafür um so schädlicher in der Gesammtwirkung; denn sie erzeugte eine 
abschätzige Stimmung gegen die Naturwissenschaften und gegen die 
empirische Methode. Nicht als ob Hegel die Bedeutung derselben 
völlig verkannt hätte; aber er beurtheilte sie als etwas Unterge— 
ordnetes und nährte damit das ohnehin schon vorhandene Vor— 
urtheil, daß gegenüber den Geisteswissenschaften Disciplinen wie 
Chemie oder Zoologie Wissenschaften zweiten Ranges seien. Dazu, 
von der Souveränetät der Beobachtung, der Erfahrung und des 
Experiments auf den Gebieten der Naturwissenschaften hatten die 
Jünger der neuesten Philosophie keine Vorstellung, daher auch nicht 
von den Mitteln, welche diese Disciplinen eben damals bedurften 
und die ihnen in anderen Ländern, vor Allem in Frankreich, be— 
reits gespendet wurden. Sie glaubten schon viel gethan zu haben, 
wenn sie sie gewähren ließen, um, wo es ihnen passend schien, 
großmüthig Anleihen bei ihnen für ihre Speculationen zu machen. 
Auch die Vorbildung für das Studium der Naturwissenschaften 
ließ darum Alles zu wünschen übrig. Sah doch die Hegel'sche 
Schule — in vollem Gegensatz zu den Überzeugungen des 18. Jahr— 
hunderts — die eigentliche Entwicklung des Geistes lediglich in der 
Geschichte der griechischen Philosophie und der christlichen Religion.
	        
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