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Viertes Buch. Geschichte der königlich preußischen Akademie der Wissenschaften nach ihrer Reorganisation unter Friedrich Wilhelm III. und Friedrich Wilhelm IV. (1812-1859) Erstes Capitel. Die Geschichte der Akademie von ihrer Reorganisation bis zum Tode Friedrich Wilhelm's III. (1812-1840)

Full text: Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin / Harnack, Adolf von (Public Domain)

194 Gecsschichte der Akademie unter Friedrich Wilhelm II. (1812 - 1840). 
Daß Niebuhr sich persönlich in Rom nie wohl gefühlt hat 
und seine nordische Natur sich weder mit dem römischen Klima 
noch mit der Eigenart der Italiener zu befreunden vermochte, 
verrathen manche Stellen der Briefe. Herrschte nun gar der 
Scirocco, so wurde er ingrimmig. In dem eben citirten Briefe 
heißt es: 
Heute ist wenigstens der fünfte Tag des allerscheußlichsten Scirocco, und 
wenn der so lange angehalten hat, dankt man dem Himmel, wenn man sich 
nicht permanent blödsinnig fühlt, und billige Leute machen alsdann keinen 
Anspruch, daß man etwas arbeite, und man müßte sehr unverschämt sein, 
wenn man sich herausnähme, etwas zu schreiben, was vernünftige Leute lesen 
sollen. Aus der Vermählung des Scirocco mit italienischen Gehirnen entstehen 
die Sonette und die hiesigen gelehrten Arbeiten. 
Die Entdeckungen Mai's, über die er Bericht abstattete, er⸗ 
regten nur zum Theil sein Interesse; denn bis zur Patristik reichte 
dasselbe kaum: „Mai giebt jetzt ungedruckte sibyllinische Bücher 
heraus, ohne Zweifel bloßen Quark“. „Die sibyllinischen Bücher 
scheinen ganz elendes Zeug zu sein; doch als altchristlich aus 
Gallienus' Zeit verdienen sie wohl nicht ganz übersehen zu werden“. 
Und in dem Bericht über eine ganze Reihe Mai'scher Funde heißt 
es: „Die letzten drei Nummern, zu denen Eusebius' Quaestiones 
evangelicae gehören, erlassen wir ihm wohl bekannt zu machen.“ 
Der neue Klassicismus war im letzten Grunde auch romantisch. 
Er studirte die Geschichte mit Auswahl, und diese Auswahl war 
ästhetisch bestimmt. Dabei kamen in der alten Geschichte die 
Kaiserzeit sammt der ältesten Geschichte des Christenthums, im 
Mittelalter das 14. und das 185. Jahrhundert nicht zu ihrem 
Rechte. Als „rein dummes Zeug“ hat Lachmann die Briefe des 
Ignatius bezeichnet, und Niebuhr hat die oben mitgetheilten 
Äußerungen durch den Ausdruck des Bedauerns ergänzt, daß die 
alten römischen Christen die Schrift des Hermas haben lesen müssen. 
Noch waren die Augen für die Größe solcher Schriften nicht ge— 
öffnet, die, ohne poetischen Reiz, ja im Bettelgewand der Sprache, 
Denkmäler einer unüberwindlichen Kraft und eines neuen, unver— 
gänglichen Lebens sind. 
Dem gelehrten Publicum wurde der Entschluß der Akademie, 
die griechischen Inschriften herauszugeben, in der öffentlichen Sitzung 
vom 3. Juli 1817 in knappen Worten mitgetheilt: „Die historisch— 
philologische Klasse hat die Ausgabe einer möglichst vollständigen 
Sammlung griechischer Inschriften unternommen, welche auch bereits 
eifrig betrieben wird.“ Dann erfuhr es mehrere Jahre lang
	        
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