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Full text: Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin / Harnack, Adolf von (Public Domain)

Schleiermacher. Wilhelm von Humboldt. 
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Raum und das Gefühl der Freiheit gab und jedem den Platz an— 
wies, der seinem Genius entsprach. Er, der Staatsmann, hat un—⸗ 
verbrüchlich daran festgehalten, daß Wissenschaft nur in der Luft 
der Freiheit athmen könne, und keine Enttäuschung hat ihn in der 
heiligen Überzeugung erschüttert, daß sie dem Staate nur Kraft 
und Segen bringe. Wie er über Wissenschaft und Leben gedacht 
hat, das hat er in seiner Antrittsrede in der Akademie ausge— 
sprochen; die Worte sind wie ein Motto seiner ganzen Thätigkeit 
zu betrachten: 
„Die Wissenschaft gießt oft dann ihren wohlthätigsten Segen auf 
das Leben aus, wenn sie dasselbe gewissermaaßen zu vergessen scheint. 
Denn sie nährt und bildet den Geist, daß alles, was er erzeugt, ihr 
Gepräge an sich trägt, ja sie stimmt ihn dergestalt glücklich, harmonisch 
und waährhaft göttlich, daß jeder Ton rein und voll aus ihm hervor— 
klingt, daß sich alles, was er behandelt, gleichsam ohne sein Zuthun, 
den höchsten Ideen anschmiegt, und daß er den schwer zu entdeckenden 
Punkt nicht verfehlt, auf welchem Gedanke und Wirklichkeit sich be— 
gegnen und freiwillig in einander übergehen. Denn es giebt in allen 
wichtigen Geschäften des Lebens einen solchen Punkt, den nur der mit 
der reinen Wissenschaft Vertraute erreichen und nur das wahrhaft 
praktische Talent nie überschreiten wird.“ 
In der Denkschrift ist dann das ganze Programm der neuen 
Wissenschaft, und sind die Grundsätze ihrer Pflege auf Universitäten 
und Akademieen dargelegt. 
Wolf, Niebuhr, Schleiermacher und Wilhelm von Humboldt 
D mit ihnen im Bunde Savigny — haben die Geisteswissenschaft 
des 19. Jahrhunderts geschaffen!), nachdem Kant und Fichte ein 
neues Ethos entzündet hatten?). Historisch-philosophisch und wie— 
derum kritisch-genial war diese Wissenschaft. Wie sie die Er— 
weckung und harmonische Ausbildung aller im Menschen schlum— 
mernden Kräfte zu ihrer Voraussetzung hatte, so wollte sie auch 
) Wie lebhaft der Austausch unter ihnen war — soweit Humboldt's höhere 
Stellung und Wolf's Arroganz und Unverträglichkeit es zuließen — ist bekannt. 
Niebuhr's Vorlesungen über Römische Geschichte haben Schleiermacher, Nicolovius, 
Schmedding, Suevern, Savigny, Spalding und Ancillon gehört; umgekehrt ist Niebuhr 
Schleiermacher's Zuhörer in der Geschichte der Philosophie gewesen. Er hatte 
seine Bedenken, aber er äußerte doch: „Ich bin überzeugt, daß keine Universität 
etwas ühnliches hat.“ 
2) Aber auch die sachkundige und begeisterte Mitwirkung der hochbedeuten— 
den Räthe im Ministerium darf nicht vergessen werden. Damals ist der Grund zu 
dem Vertrauen gelegt worden, welches die Wissenschaft zu dem Preußischen Cultus— 
ministerium hegt. 
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