70
Geschichte der Societät von 1717 - 1740.
zu seinem Zeitungsreferenten und Hofrath. Die Stellung war
eine ganz bedeutende, und wenigstens das läßt sich zu Gundling's
Lobe sagen, daß er sie nicht zum Schaden Anderer — obgleich er
zeitweilig wirklich einflußreich war — mißbraucht, vielmehr sich
bestrebt hat, einiges Nützliche und Gute zu stiften. Er wurde dem
Könige bald unentbehrlich, aber nicht nur als ein Mann von aus—
gebreiteten Kenntnissen und einem zutreffenden Urtheil in politisch⸗
ökonomischen Fragen, sondern leider auch als Zielscheibe der rohesten
Späße im Tabakscollegium; denn, dem Weine nicht widerstehend
und systematisch zum Trinken gezwungen, verlor er bald allen
Halt und ließ sich die Rolle des lustigen Raths und gelehrten
Hofnarren, den man anhörte und prügelte, gefallen. Doch hatte
er nach drei Jahren noch so viel Kraft, sich der entsetzlichen Lage,
in die er gerathen war, durch die Flucht zu entziehen. Als er
dann zurückgebracht worden war, wurde seine Stellung zeitweilig
eine erträglicher. In den Jahren 1717—- 1719 benahm er sich
etwas würdiger, und der König, obgleich er ihn stets als gelehrten
Narren behandelte, zeigte doch mehr Respect. Er verhöhnte ihn
freilich einerseits, indem er ihm eine Reihe hochtönender Hofämter—
Titel verlieh, oder vielmehr, er verhöhnte damit das Hofceremoniell;
aber andererseits war es kein Scherz, wenn er ihm Sitz und
Stimme in verschiedenen Landescollegien gab, das Seidenwesen
ihm unterstellte und ihn auch zum Präsidenten der Societät er—
nannte. Der König gab wirklich etwas auf sein Urtheil und
glaubte in ihm den rechten Mann zur Leitung solcher Wissens⸗
zweige gefunden zu haben, deren Vertreter ihm nur durch Polyhistorie
und durch die Fähigkeit, witzig zu unterhalten und spielend zu be—
lehren, erträglich erschienen. Allein vom Jahre 1719 ab sank
Gundling wieder immer tiefer und wurde dementsprechend, obgleich
nun Freiherr und Kammerherr, immer roher behandelt. Dennoch
fand er bei allen Ausschweifungen und Erniedrigungen Zeit, in
den letzten 15 Jahren seines Lebens eine stattliche Anzahl (fast
zwei Dutzend) historische und statistisch-geographische Arbeiten zu
verfassen und einen Codex diplomaticus Brandenburgicus aus
mehreren Tausenden von Urkunden anzulegen.
Jene geschichtlichen Werke sind nicht unbedeutend; sie gründen
sich auf archivalischen Studien. „Gundling ist einer der ersten, die
nach dem Vorgang des großen Samuel Pufendorf die Bedeutung
der Urkunde als Grundlage der Geschichtschreibung voll würdigten“,
und auch seine geographisch-statistischen Zusammenstellungen ge⸗—