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Am Thiergarten

Full text: Die Berlinerin / Wolff, Ulla (Public Domain)

Karl Emil Franzos 
dies erst seit neuester Zeit — zum Teil auch andere 
Leute bei sich. Zu betonen wäre höchstens, daß Frau 
Christian A. zuweilen fromm ist oder doch so thut, 
was man von Frau Moritz B. wahrhaftig nicht be— 
haupten kann. 
Ziehen wir zunächst den älteren Kreis in Be— 
trachtung, so sind dem bereits hervorgehobenen noch 
einige andere eigentümliche Züge beizufügen. Man 
lebt, wie es Reichtum und Anschauung dieser Kreise 
bedingen, aber man verschwendet nicht. Diese Villen 
sind alle bequem, wenige mit geschmacklosem Prunk, 
freilich auch nicht viele mit künstlerischem Sinn ein— 
gerichtet. Gute Bilder sieht man nicht eben selten, aber 
auch nicht in solcher Zahl, wie es die Mittel gestatten 
würden. Die Formen des Verkehrs werden sicher, 
aber ohne Steifheit gehandhabt; in den Wiener Kreisen 
dieser Art geht es jedenfalls förmlicher zu, wie denn 
auch die Wienerin dieser Schichte prüder ist, als die 
Berlinerin; man wird es mir nicht glauben wollen, 
und es ist doch so. Von jener äußerlichen, ich möchte 
sagen technischen Liebenswürdigkeit, wie sie an der 
Donau zu Hause ist, spürt man hier nicht viel, aber 
man ist hier offener, herzlicher, zuverlässiger; die 
„Berliner Treue“ ist wirklich kein Wahn. Dazu ge— 
hört freilich, daß man einander näher gekommen, als 
im bloßen „Diner-Verkehr“ möglich ist. Ist es gut, 
daß die Berliner Geselligkeit gerade diese Form ange— 
nommen hat?! Jedenfalls ist es die bequemste 
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