Path:
Die höhere Tochter

Full text: Die Berlinerin / Wolff, Ulla (Public Domain)

Die höhere Tochter 
keitsbewußtsein. Die brummige, eckige Anna hat eine 
Seele voll innerer Harmonie und blickt ver— 
wundert auf die Thorheiten der Welt, die nicht die 
ihre ist, in die aber Claras helle, blaue Augen tief und 
klug hineingeblickt haben. Und was sie dort sah, in dem 
künstlerischen, schöngeistigen, geselligen Berlin hat sie 
nicht mit fortgerissen, verwirrt und betäubt, sondern 
merkwürdig klar hat sie aus dieser Unrast und Ge— 
nußsucht, den Wert stiller, einfacher Freuden abge— 
leitet. Eine feine, scheue Natur ist sie in dieser Welt— 
lichkeit geworden, vornehm im Denken und Fühlen, 
aristokratisch in ihren Neigungen, mit einer leichten 
Schreckhaftigkeit vor allen lauten, vordringlichen Kundge— 
bungen des gesellschaftlichen Lebens. Nur der in dieser 
Welt des äußern Scheines befruchtete Schönheitssinn 
hat sich stark bei ihr entwickelt und den Hang zu 
etwas Eitelkeit. Sie ist eine chicke, kleine Person 
und legt Gewicht auf gute Toilette, das aber hindert 
sie nicht, verständig und mutig den Sorgen und 
Kämpfen des Daseins ins Antlitz zu schauen und ihre 
blauen, hellen Augen waren in trüben Tagen und 
bangen Nächten leuchtende Sterne, an denen Mut und 
Hoffnung sich neu belebten. Tilli endlich, mit dem 
vollen, schwarzen Haar um das schmale, lebhafte Ge— 
sicht, lernt alles, kann alles, will alles — und alles 
mit gleichem Geschick. Rüstig und unentwegt schreitet 
sie aus, in zielbewußter Energie. Eine Ganzmoderne! 
Die nicht sieht und nicht sehen will, was hindernd 
390
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.