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Die Vereinsdame

Full text: Die Berlinerin / Wolff, Ulla (Public Domain)

Die Vereinsdame 
Sieht dieses Mädchen Dich mit seinen scharfen 
hellen Augen an, dann fühlst Du vielleicht, warum 
die Augen so klar und durchdringend sind — sie 
schliefen acht bis zehn Stunden, solange die 
Dunkelheit mit thörichten Träumen und tollem Jubel 
sich über die anderen Menschenkinder niedersenkte. 
Nie durchzuckte sehnendes Verlangen diese Sinne, nie 
tauchte ein unverständiger Gedanke in diesem glatt— 
gescheitelten Kopfe auf. Klar und kühl! Kommt der 
Morgen und mit ihm das helle nüchterne Tageslicht, 
dann thun sich die ausgeruhten Augen wieder auf 
und die Adjutantin „schuftet, daß es nur so kracht“. 
Stoßt Euch nicht an ihren Kraftausdrücken, sie 
hat dennoch ein gutes Herz; freilich dieselbe Güte, 
dasselbe Wohlwollen für alle. Sie ist nicht ein Weib, 
das sich auf einen Menschen konzentriert und ihn 
über alles liebt und haßt, das nichts sieht als ihn 
allein, dem ein Mensch — besser gesagt ein Mann — 
Sonne, Luft und Licht ist. Sie ist gutmütig und 
hülfsbereit, aber sie verliert nie den Kopf, das Herz 
selbstverständlich noch weniger; ihre scharfblickenden 
Augen erspähen jede Falte an Dir, jeden Fleck an 
Deinen Kleidern (der ihr — nebenbei gesagt — ein Greuel 
ist). Trotzdem arbeitet sie für die Menschen und thut 
es mit Lust und Unermüdlichkeit. 
Fehlt sie eines Tages in der Versammlung, sieht 
man ihre großen Gummischuhe und den handfesten 
Regenschirm nicht mehr im Korridor der Präsidentin, 
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