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Glühwürmchen

Full text: Die Berlinerin / Wolff, Ulla (Public Domain)

Ernst von Wildenbruch 
nicht verbrannt hatte, weil der Brief ihn gerührt 
hatte, als er ihn empfing. 
Peinlich kalligraphisch war die Adresse auf den 
Umschlag gemalt gewesen, einem jener entsetzlichen, 
stets durch sauberste Handschrift ausgezeichneten Briefe 
ähnlich, in denen um ein Autograph gebettelt wird; 
ziemlich mißmutig hatte der Empfänger ihn deshalb 
geöffnet. 
Ein Bittgesuch enthielt das Schreiben denn frei— 
lich auch; aber nicht um ein Autograph. 
Ein armer alter Volksschullehrer war es, aus 
einem entlegenen Orte im Spreewald, der sich an den 
Dichter wandte und ihn um die Übersendung eines 
seiner Werke bat. 
Lange hätte er mit sich gekämpft — so unge— 
fähr äußerte sich der Verfasser des Briefes — denn 
er. hätte ja wohl die Dreistigkeit seines Ansinnens 
empfunden; aber es hätte ihm keine Ruhe gelassen, 
und endlich hätte er sich ein Herz gefaßt. In der 
Verlassenheit, in der er lebte, hätte er manchmal in 
den Zeitungen den Namen Heidenstamms gelesen, 
von seinen Dramen und seinen Erzählungen. Manch— 
mal wären auch Stellen daraus in der Zeitung 
wiedergegeben gewesen, und immer wäre ihm dann 
gewesen, als wenn in weiter Ferne eine Glocke an— 
geschlagen würde, und sein Verlangen, von diesen 
Werken eines wenigstens einmal kennen zu lernen, 
wäre gewachsen und gewachsen von Tage zu Tage. 
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