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Die Marktfrau

Full text: Die Berlinerin / Wolff, Ulla (Public Domain)

J. Trojan 
Gemüse giebt es immer etwas zu putzen. Sonst be— 
steht die Arbeit darin, die Ware anzupreisen und dem 
Kauflustigen, der den Preis zu hoch findet, darzulegen, 
weshalb er nicht niedriger sein könne und eigentlich 
schon zu niedrig sei. Denn entweder hat es an Regen 
gefehlt, oder es ist zu viel Regen gefallen. Oder in 
der Blüte hat es Frost gegeben, oder die Raupen 
haben alles gefressen, oder es hat überhaupt nichts an— 
gesetzt. Kurz, ein wirklich gutes Jahr ist vollständig 
ausgeschlossen. 
So vergehen der Marktfrau die Stunden in reger 
und anregender Unterhaltung, wobei sie Gelegenheit 
hat, ihren Scharfsinn zu entwickeln. Bei einer weib— 
lichen Handarbeit, wie Stricken oder Nähen, ist sie 
selten anzutreffen — dazu fehlt es ihr doch in der 
Geschäftszeit an Ruhe — und ebenso selten beim Lesen 
von Büchern oder Zeitungen. Es muß noch ein Verein 
gegründet werden, der es sich zur Aufgabe macht, die 
Erzeugnisse der modernen Litteratur unter den Markt— 
frauen zu verbreiten, oder ein solcher auch, der ihnen 
durch Wanderredner im Fluge in Form von populär— 
wissenschaftlichen Vorträgen die notwendigsten Kennt— 
nisse von der chemischen Zusammensetzung der Gemüse, 
Früchte und sonstigen Nahrungsmittel beizubringen 
versucht. Die Befürchtung, daß es sich dabei um eine 
sehr schwer durchzuführende Sache handelt, hat wohl 
in unserer so vereinsfrohen Zeit bis jetzt die Gründung 
eines derartigen Vereins verhindert. 
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