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Die Arbeiterin

Full text: Die Berlinerin / Wolff, Ulla (Public Domain)

Max Kretzer 
die „verflossenen Schätze- an den Fingern abzählen 
durften. Die mußte es also wissen! 
Emilie war auch sonst „Eine mit Ärmeln“, wie 
der Berliner zu sagen pflegt, wenn er das gewöhn— 
liche „mit allen Hunden gehetzt“ nicht gern anwenden 
möchte. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß 
alles zu verdammen ist, worauf man die Hunde hetzt. 
Es kommt auch vor, daß man sich in der Person 
irrt, und daß die Köter den Anrüchigen zufrieden ge— 
lassen hätten, wenn er sich nicht zuerst bemerkbar ge— 
macht hätte. 
Emilie war eine, die sich mit Vorliebe durch ihren 
großen Mund bemerkbar machte. Sie hatte ent— 
schieden einen Zungenfehler, der darin bestand, daß 
sie stets Dinge sagte, die sie niemals verantworten 
konnte. Und so war sie nach und nach in den Ruf 
gekommen, eine ganz „ausgetragene Puppe“ zu sein, 
die „auf alles geaicht sei“, über „alles Bescheid wisse“ 
und deren Mundwerk entschieden extra begraben 
werden müsse, wenn sie eines Tages das Zeitliche 
gesegnet haben sollte. 
Dabei war sie gutmütig, 
hilfsbereit und von jener Rühr— 
seligkeit, die wie durch eine 
Zauberformel die geschwätzigste 
Elster zur schluchzenden Nach— 
tigall machen kann. Natürlich 
figürlich gedacht. 
200 —
	        
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