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Aphoristisches

Full text: Causerien über Theater / Fontane, Theodor (Public Domain)

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wenigstens nicht in der Kehle, und bis auf weiteres sind 
Havelland und Zauche nicht die Geburtsstätten der 
Klärchen und Gretchen. Für diese besteht die Mainlinie 
fort, und wenn sie kommen, so empfinden wir Märker 
mit einer Art von Sehnsucht und Beschämung: sie war 
nicht in dem Tal geboren. Jede einzelne — ein Mädchen 
aus der Fremde, eine Anverwandte jener Aussterbe— 
familie, die einst unter dem Namen Poesie ihren Grund 
in deutschen Herzen hatte. (8. März 1872.) 
Für die große Mehrheit des Publikums bedeutet ein 
Theaterabend nicht viel was andres als eine Reihen— 
folge von Tableaux vivants, und je hübscher, je besser 
die lebenden Bilder aussehen, desto genußreicher der 
Abend. Als ich vor Jahren einmal eine unserer ge— 
feiertsten Künstlerinnen leise getadelt hatte, drohte mir 
ein Freund und Gönner, ein Mann aus der Obersphäre 
der Gesellschaft halb schelmisch, aber auch halb ernsthaft 
mit dem Finger und sagte: „Hören Sie, Sie haben 
Fräulein M. wieder getadelt.“ „Ich mußte wohl; sie 
war nicht schön in der Rolle.“ „Fräulein M. ist immer 
schön.“ Und damit war ich entlassen. 
(7. Februar 1884.) 
Friedrich der Große rief einem Prinzen von A. 
zu: „Prinz oder nicht, ich habe nicht Lust, um prinzlicher 
Schnitzer willen (er wählte ein stärkeres Wort) meine 
Schlachten zu verlieren.“ Und mutatis mutandis sollte 
dies auch die Parole preußischer Kunstinstitute sein. O, 
diese Dilettantenstücke! Wenn ich überblicke, was wir 
im Laufe der Jahre von derartigem haben ertragen
	        
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