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Aphoristisches

Full text: Causerien über Theater / Fontane, Theodor (Public Domain)

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stadt und erstes Theater. Noblesse oblige. Was ich 
an Forderungen gestellt habe, kann geleistet werden. 
Nur solche Forderungen haben zu schweigen, deren 
Erfüllung einfach zu den Unmöglichkeiten zählt. Und 
auch solche Rollenunmöglichkeiten sind da. Sie bilden 
eine vierte Gruppe, nennen sich klassisch-romantisch und 
führen die Jungfrau von Orleans als Fahnenträgerin. 
Ihnen gegenüber gebietet sich ein Verzicht. Dieselbe 
Zeit, die vor nunmehr hundert Jahren diese dichterischen 
Gestalten entstehen sah, schuf auch die Geister und Kräfte 
sie darzustellen und ebenso die Zuhörerschaften, die nicht 
nur an diese dichterischen Gebilde, sondern beinah' mehr 
noch an eine ganz bestimmte Vorführungs- und Ver— 
körperungsart dieser Gebilde enthusiastisch und hingebend 
glaubten. All das fehlt uns heute. 
(17. November 1883.) 
Es ist Mode, ja geradezu guter Ton geworden, von 
dem Virtuosentum als von etwas Schrecklichem, als 
von der Wurzel alles Übels zu sprechen. Ich finde dies 
einfach absurd und bekenne mich offen und beinahe un— 
eingeschränkt zu der entgegengesetzten Ansicht. Alles, 
was mich von Personen auf der Bühne noch interessiert, 
sind Virtuosen oder doch solche, die wenigstens in der 
einen oder andern Rolle virtuos aufzutreten verstehn. 
Ein paar Ausnahmen laß ich gelten. Wenn ich aber 
im großen und ganzen überschlage, was in den letzten 
sechs, acht Jahren schauspielerisch überhaupt noch einen 
Eindruck auf mich gemacht hat, so waren es immer 
virtuose Leistungen. Es gibt keine Kunst ohne Virtuosität. 
Sie kann sich verschieden äußern, aber da muß sie sein, 
wenn überhaupt von Kunst gesprochen werden soll. Auch
	        
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