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Full text: Causerien über Theater / Fontane, Theodor (Public Domain)

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darf, hat es nach meinem Gefühl doch in einem wichtigen 
Punkte versehen: die Exposition greift nicht weit genug 
zurück. Das Stück wirkt wie der zweite oder dritte Teil 
einer Trilogie; der erste fehlt. Dieser ist aber, wie hier 
die Dinge liegen, unerläßlich. Wir müßten, sei es in 
einem vorausgehenden Stück oder doch mindestens in 
einem breit ausgeführten ersten Akt, Herodes und Mariamne 
im Vollbesitz einer leidenschaftlichen, glücklichen und in 
ihrem Glück menschlich-schön motivierten Liebe gesehen 
haben, um in dem, was kommt, den eben diese Liebe zur 
Voraussetzung habenden Kampf zu verstehen, der sich in 
dem Herzen Mariamnens vollzieht. Haben wir auch eine 
einzige Szene nur miterlebt, die uns am eigenen Herzen 
fühlbar machte: „sie muß ihn lieben“, so begreifen wir, daß 
sie den Mord ihres Bruders ignorieren, das tückisch gegen 
sie selbst gezückte Schwert verzeihen und in Erinnerung 
unendlichen Glückes seine Wiederkehr immer neu er— 
hoffen kann; aber dies Glück müssen wir vorher mit 
Augen gesehen haben, wir müssen dessen Zeuge ge— 
wesen sein. Dies fehlt. Das Stück setzt gleich mit Ab— 
stoßendem ein, und auch Marianne läßt keine Empfindung 
in unserem Herzen für sich aufkommen, weil sie sich ziem— 
lich von Anfang an zu einer hochgemuten und opfer— 
bereiten Liebe bekennt, für die wir kein Motiv ausfindig 
machen können. Einen Mörder lieben, der vorher ein 
Gott war, kann selber göttlich sein; aber einen Mörder 
pur ét simple als solchen lieben, ist widerwärtig. Bis 
zur Mitte des zweiten Aktes hat sich Herodes (übrigens 
darin fortfahrend) lediglich als ein Puppenspiel- und 
Jahrmarktsscheusal vor unsern Augen präsentiert, und 
diesem Oger zuliebe hören wir die von ihm selbst „unter 
das Schwert gestellte“ Mariamne den Schwur leisten, 
daß sie sich töten werde, sobald die Nachricht seines Todes
	        
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