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Full text: Causerien über Theater / Fontane, Theodor (Public Domain)

106 — 
Grillparzer. 
Des Meeres und der Ciebe Wellen. 
13. Februar 1874. 
Die Tugenden dieses Stückes, das die Hero— und 
Leandersage behandelt, sind sehr groß, die Mängel sehr 
gering. Hätte es dem Dichter beliebt, die zweite Szene 
des vierten Aktes (die Hütte des Leander, in die dieser 
nach seiner ersten Schwimmfahrt zurückkehrt) zu streichen 
oder doch zu modeln und die beiden Hälften des fünften 
Aktes in ein kurzes Ganzes zusammenzuziehen, so würden 
wir die Arbeit als etwas absolut Vollendetes ansehen, 
dem innerhalb unserer dramatischen Literatur nur sehr 
wenige Hervorbringungen zu vergleichen sind. Überlegen für 
meine Empfindung ist ihm nur die „Iphigenie“. „Tasso“ 
ist undramatisch und hat keinen Schluß; die „Braut von 
Messina“, bei allem, was sie an gestaltender Kraft voraus— 
haben mag, entbehrt jener lyrischen Vertiefung, die den 
unaussprechlichen Zauber dieser Grillparzerschen Dichtung 
bildet. Man hat freilich gerade aus dieser Vertiefung 
einen Vorwurf herleiten oder doch den Stoff als zu 
lyrisch verurteilen wollen, ohne Ahnung davon, daß das 
Lyrische auch innerhalb des Dramas immer der Wunder⸗ 
vogel bleibt, der uns die goldenen Eier schenkt. Denn 
in der Tat: wenn es etwas gibt, was in einem aller— 
höchsten Sinne noch dramatischer wirkt als das schlecht— 
weg Dramatische, so ist es jene Lyrik, die ein Dichter— 
genius oft durch eine scheinbar kleinste Zutat in das 
Dramatische zu erheben versteht. Und das tat Grillparzer 
hier. Den eigentlich tragischen Konflikt, an dem es dem 
Stoffe bis dahin fehlte, durch die von ihm ersonnene
	        
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