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Full text: Causerien über Theater / Fontane, Theodor (Public Domain)

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Trunk Bergluft zu tun, so ist auch ein Verlangen da, in 
Wintertagen einen frischen Trunk Schiller zu tun. „Orpheus 
in der Unterwelt“ und ähnliches deckt nicht mehr das 
Bedürfnis. Die Seele sehnt sich nach Klarem, Schönem, 
Reinem. Und wenn es auch nur Dialoge wären! Ihr 
modernen Dramatiker aber, gehet hin und seid dieses 
wieder erwachenden Zuges Zeugen! Es ist nicht nötig, 
daß Gift und Dolch, mit einer Art von Ausschließlichkeit, für 
„Handlung“ sorgen; das Wort ist eine Macht nach wie 
vor, und die Schönheit übt ihren Zauber heute wie zu 
allen Zeiten. „Die Piccolomini“ sind ein sogenanntes 
langweiliges Stück — ach, wieviel interessante gäb' ich 
dafür hin! 
h. 
27. Mai 1878. 
Ich stelle „die Piccolomini“, wenn ich die Frage nach 
der größeren oder geringeren Wirkung ignoriere, unter allen 
Schillerschen dramatischen Arbeiten am höchsten. Zwei 
Kunstrichtungen, die wir gewohnt sind, als einander feind— 
lich anzusehen, verschmelzen sich hier. Wir haben die Klar— 
heit, den Stil und die Handlungslosigkeit des französi— 
schen Klassizismus (nach dem ich, beiläufig bemerkt, in 
der Wüstheit unserer Tage mehr und mehr eine Sehn— 
sucht empfinde) und wir haben zugleich den historischen 
Sinn und die scharfe und reiche Charakteristik des Shake- 
spearischen Dramas. Von dem einen die Schönheitslinie. 
von dem andern das Kolorit. 
Herr Kahle: Questenberg. Er gibt ihn als einen 
vornehmen, selbstbewußten Höfling, noch jung (kaum 
vierzig) und mit einem Anflug hofmännischen Neides, 
daß ein anderer über ihn hinaus will. Dementsprechend
	        
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