Path:
Text

Full text: Die Freie Hochschule als Mittel zur Steigerung unserer Volkskultur / Wille, Bruno (Public Domain)

18 
Körpers eingeweiht sei. Und weil auch die geistige Erziehung 
des Kindes, besonders in den ersten Lebensjahren, Sache der 
Mutter ist, so sollte diese in der Erziehungslehre bewandert sein. 
Endlich mag bedacht werden, daß das Weib nur dann 
dem Ideale einer Gattin und Mutter entspricht, wenn es herz- 
lichen und verständnisvollen Anteil nimmt am Berufe des 
Mannes und am geistigen Leben des Volkes. Bloß Salon- 
puppe, Haremsdame oder Haushälterin des ehelichen Gebieters 
zu sein, ist eine Rolle, deren Unwürdigkeit vom modernen 
Menschen immer lebhafter empfunden wird. Es fehlt indessen 
noch gar sehr an Schulen, welche das Weib für den erhöhten 
Beruf heranzubilden suchen. Wie weit die gewöhnlichen 
Töchterschulen und Pensionate hinter der Aufgabe zurück- 
bleiben, beweisen ihre Erziehungsfrüchte, Versetzen wir uns 
im Geiste in eine Tanzstunde, wo höhere Töchter und etwa 
Studenten einander begegnen. Beide Parteien bemühen sich, 
eine Unterhaltung zustande zu bringen. Wie kläglich aber 
gelingt gewöhnlich dieser Versuch! Welch eine Kluft gähnt 
zwischen den beiden Geschlechtern! Abgesehen vom Liebes- 
verlangen, das sie allerdings verbindet, abgesehen ferner von 
aufregender Eifersucht, kleinlicher Intrigue und lächerlichem 
Klatsch, abgesehen von gemeinschaftlichen Vergnügungen und 
einigem Musizieren oder Deklamieren, etwas Theater und 
Romanlektüre, läßt sich nur schwer ein Gegenstand ernsten 
und interessierten Gesprächs ausfindig machen. Dabei verrät 
der weibliche Ideenkreis oft denselben Hang für äußerliches 
Prunken und putzhaften Schein, der die weibliche Garderobe 
gewöhnlich kennzeichnet. Da giebt es auch geistige Korsetts 
und Verunstaltungs-Maschinen, Schminken und Haarfrisuren, 
die ängstlich vor Verwirrung behütet werden müssen, weil 
das der sogenannte Anstand erfordert, der doch nichts anderes 
ist, als klägliche Unfreiheit und Engherzigkeit. Kein Wunder, 
wenn Männer, die Freimut, Wahrhaftigkeit, geistige Weite und 
Gründlichkeit lieben, sich oft gelangweilt von der höheren 
Töchterregion abwenden, und wenn ein Philosoph wie 
Schopenhauer über das ganze weibliche Geschlecht ein ab- 
sprechendes Urteil fällen konnte, das großenteils wohl nur auf 
die Zöglinge einer rückständigen Töchtererziehung paßt. Auch
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.