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Full text: Fünfundzwanzig Jahre unter dem roten Stern (Public Domain)

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Schon unterwegs entwickelte sich der Riesen-Appetit, der sich während 
der ganzen Fahrt noch steigerte und einzelne, besonders veranlagte 
training men wahre Wundertaten verrichten ließ. In Hamburg bezogen 
wir mit gutem Humor die Fliegenklappen, die uns in unserem Hotel auf 
telegraphische Bestellung im vierten Stock angewiesen wurden; alles war 
desetzt, denn die Hamburger Regatta. von der der rote Stern schon so oft 
mit Ruhm und Sieg heimgekehrt war, stand unmittelbar bevor. Doch 
höheren Zielen strebten wir zu. 
Die Fahrt von Hamburg nach Cuxhaven bot nichts bemerkenswertes. 
Ein seebefahrenes Mitglied verkürzte die Zeit mit Schauergeschichten von 
der tückischen, gräßlichen Seekrankheit, und mehrere Novizen konnten sich 
eines leichten Gruselns nicht erwehren. Aber alle Schatten schwanden, als 
das prächtige Schiff, das uns nun für mehrere Tage gastfreundlich auf— 
nahm, vor uns auf dem Strom lag, dahinter die weite Fläche der Nordsee, 
des „Deutschen Meeres““, mit seinen weißen Schaumkopfen, über welchen sich 
zahllose Möwenscharen tummelten. Und über allem glänzten und glitzerten 
die Sonnenstrahlen und warfen blendende Lichtreflexe auf Meer und Land. 
Schnell nun an Bord; im Handumdrehen waren von unserem „Captain““ 
die Kabinen verteilt, die Gepäckstücke wurden untergebracht und dann eilte 
alles auf Deck. während sich der Dampfer unter lustigen Abschiedsweisen 
der Schiffskapelle langsam in Bewegung setzte. 
Der „Blücher“ ist ein prächtiges Schiff; er machte erst seine zweite 
Keise, alles war noch funkelnagelnen, und als wir das Schiff von unten 
bis oben durchmusterten, konnten wir nur immer aufs neue staunen über 
dieses Wunderwerk, in welchem alles so reich und bequem und doch so 
praktisch eingerichtet ist. Und erst die Verpflegung J. Klasse! Wohl waren 
unsere Erwartungen hochgespannt, aber sie wurden weit übertroffen, als uns 
nun die Trompete zu Tisch rief, zu kulinarischen Genüssen, denen sich jeder 
mit Inbrunst hingab. Aber wir hatten die Rechnung ohne die See gemacht, 
denn als wir jetzt das offene Wasser erreichten, empfing uns hinter Helgo⸗ 
land eine ziemlich steife Nord-West-Brise, die die Wogen in Aufruhr brachte 
und das Schiff, so ruhig es auch arbeitete, zu höflichen Verbeugungen 
oeranlaßte. Das Lachen verstummte, schon sah man bleiche Gesichter. 
Wetten wurden abgeschlossen, wer wohl als erster der erzürnten See zum 
Opfer fallen würde. Allgemein wurde der Längste getippt und siehe da,
	        
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