Path:
IV. Hochsommertage in Süditalien und Sizilien. (1874)

Full text: Aus jungen und alten Tagen / Pietsch, Ludwig (Public Domain)

26) 
22— 
Nun sind wir wieder bei den Pferden. Die engen Pfade 
zwischen den Lavafeldern und Schlackendämmen trotteten sie 
noch ziemlich vorsichtig hinab. Die Abenddämmerung war 
schon tief, das Mondlicht noch nicht besonders hell. Noch 
hinderte es die Venus nicht, im prächtigsten Glanze zu er— 
strahlen. 
Vom Observatorium ab aber beginnt die breite, sichere, 
bequeme Zickzackstraße (den engen Kletterweg, den wir vorher 
bis hierher hinaufgekommen waren, ließen wir links) erst 
über die Lavafelder, dann zwischen den Gärten bis hinunter 
nach Resina. Wäre der Weg dreimal so lang gewesen als 
diese anderthalb Stunden! Wir setzten die ausgeruhten, 
trefflichen Tiere in schärfsten Trab und Galopp. So stoben 
sie dahin auf der sanft geneigten Straße und ließen uns die 
ganze Wonne eines solchen Rittes empfinden. Aus den 
Gärten wehte uns die entgegenströmende Abendluft ein Ge— 
misch von Frucht-, Blätter- und frischem Heuduft ins Gesicht. 
Über die niederen Kronen der Ol-, Feigen-, Maulbeerbäume 
und Gebüsche, über Weingerank und Kaktus an den Abhängen 
hinweg sahen wir unten im klarer werdenden Mondesdämmer-⸗ 
licht der Sommernacht den ganzen Golf und seine Ufer, Vor—⸗ 
gebirge, Inseln noch immer weithin ausgebreitet. In zwei 
Halbkreisen flimmerten wieder zur Rechten die Lichter Neapels, 
des Hafens und des Posilipp vom Meer bis zu dem Rücken 
der Hügel. Immer voller und heller ergoß sich des Mondes 
zarter Goldglanz über Meer und Land. Breit lag er auf der 
Vorderfront der weißen Häuschen, auf den Mäuerchen, an 
denen wir vorübersprengten, auf den zackigen Laubmassen, 
welche tiefe, dunkle Schatten über den Weg und die Gärten 
unter ihnen hinstreuten. Ach, jenes Jauchzen des armen 
neapolitanischen Burschen hinten auf Goethes Kalesche bei 
einer Fahrt auf ähnlichem Wege über den Anblick von „la 
sua patria“, — wie wohl versteht man es, ob sich letzteres
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.