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II. Dr. Theodor Weber

Full text: Aus jungen und alten Tagen / Pietsch, Ludwig (Public Domain)

Schwester, für ihr Alter auffallend groß und kräftig, mit einem 
Kopf voll kraus gewelltem, hellblondem Haar, mit vom frischen 
Rot der Gesundheit leuchtenden Wangen, mit lachenden hellen 
Augen und roten Lippen. Ich schien ihr immer einen komi⸗ 
schen Eindruck zu machen, und die Überzeugung davon machte 
mich natürlich nur noch verlegener und verwirrter. Die größte 
Wirkung auf mich brachten wohl schon damals die Erscheinung 
und das ganze Wesen des Onkel Pfarrers hervor. Seine un⸗ 
gewöhnlich große, schlanke Gestalt überragte die ebenso un— 
gewöhnlich kleine und zierliche meines Vaters um mehr als 
nur Haupteslänge. Unter seiner hohen, schön gewölbten, vom 
schlicht herabwallenden hellbraunen Haar umschatteten Stirn 
und den dunkleren Brauen blickten die blauen Augen mit dem 
Ausdruck lauterer Seelenreinheit, Milde, Güte und stillen 
heiteren Friedens. Die anmutig geschwungenen feinen Lippen 
unterhalb der kräftig modellierten, knochigen, breitrückigen Nase 
umspielte das liebenswürdigste Lächeln, das unverkennbare 
Zeichen seines freundlichen Herzens und seines graziösen Geistes, 
der für den Humor darum kein geringeres Verständnis hatte, 
weil er mit voller Seele seinem geistlichen Beruf hingegeben 
war. Die Tante und ihre bei ihr lebende unvermählte 
Schwester Lina flößten mir durch ihre kühle Vornehmheit eine 
respektvolle Scheu ein, die ich auch in späteren Jahren nur 
schwer zu überwinden vermochte. 
Vor der langen Fassade des Pfarrhauses zog sich eine 
Terrasse hin, die mit einer Hecke von Stachelbeersträuchern 
eingefaßt und von hohen Flieder- und Hollunderbüschen be— 
schattet war. Durch die Tür in der Mitte trat man in einen 
weiten Flur, die Diele, wo gewöhnlich die Mahlzeiten der 
Familie eingenommen wurden. Zur Rechten, gegen Süden 
hin, lag die große, grüne, „gute“ Stube, durch zwei Fenster 
in der westlichen Langseite und ein Erkerfenster in der süd— 
lichen Schmalseite erhellt, welches durch das dichte Rebenlaub
	        
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