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XI. Im August vor fünfundzwanzig Jahren. (1901)

Full text: Aus jungen und alten Tagen / Pietsch, Ludwig (Public Domain)

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Denkbare geschehen, um die öffentliche Meinung dagegen und 
gegen den kühnen Neuerer aufzuwiegeln, sein Werk und sein 
Unternehmen zu diskretitieren, ihn und beide dem Haß, der 
Verachtung und der Lächerlichkeit preiszugeben. Als ästhe— 
tisches, ja auch als sittliches Verbrechen wurde der „Ring“ 
mit ernster Miene von den einen öffentlich gebrandmarkt. 
Mit wahren Fluten von Lauge ätzenden Spottes und Hohnes 
— sowohl geistreich witzigen als plumpen, albernen, knotigen — 
waren sie in Broschüren, Feuilletons und humoristisch-satiri— 
schen Blättern in deutschen Städten überschüttet worden. 
Nicht zum wenigsten in Berlin. Nur gerade der vielleicht 
glänzendste, reichste und tiefste Geist unter den damaligen 
Meistern der Satire und des Witzes in Berlin, Ernst Dohm, 
stand auf der Seite Richard Wagners und kämpfte für ihn 
unermüdlich mit allen Waffen. Ihm gegenüber verlernte 
Dohm allen Spott, mit dem er sonst nichts und niemanden 
— seit 1870 noch mit Ausnahme Bismarcks und Moltkes — 
verschonte. Der heilige Ernst, mit dem er für Wagner und 
dessen Sache eintrat, stand dem grausamen, geistvollen Spötter 
so befremdend zu Gesicht, daß viele gar nicht an dessen Auf— 
richtigkeit und an die innerste Überzeugung als dessen Quelle 
glauben mochten und diese in persönlichen, freundschaftlichen 
Beziehungen suchen zu müssen meinten. 
Als ich an einem Augustabend jenes Jahres auf dem 
Bahnsteig des Anhaltischen Bahnhofs erschien, um in den 
bereitstehenden Zug nach Hof behufs der Fahrt nach Bayreuth 
zu steigen, grüßte mich das wohlbekannte Gesicht dieses alt— 
befreundeten, tapferen Vorkämpfers aus einem Wagenfenster. 
Und zugleich auch das unseres gemeinsamen Freundes Wilhelm 
Scholz, des genialen Humoristen und Zeichners. Beide riefen 
mir zu, in ihrem Abteil sei noch ein Platz frei. Ich schwang 
mich hinein und fand zur frohesten Überraschung außer den 
beiden auch noch Paul Meyerheim und seine liebenswürdige
	        
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