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X. Stockholmer Erinnerungen

Full text: Aus jungen und alten Tagen / Pietsch, Ludwig (Public Domain)

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schöpfungen ich wiederholt kritisch besprochen habe. Seiner 
schönen Natur- und Kunstbegeisterung gab er dabei einen un— 
gemein fesselnden Ausdruck, und einen nicht minder rückhalt— 
losen seinen Ansichten und Meinungen von der Bedeutung 
und den Leistungen der namhaftesten skandinavischen Meister. 
Der Kronprinz nahm im Gespräch mit mir Gelegenheit, 
seine, wie er es nannte, „wahre Schwärmerei“ für unseren 
Kaiser, den er von klein auf kenne, in den wärmsten Worten 
auszusprechen und damit zugleich auch seinen innigen Wunsch, 
daß der so von ihm verehrte, befreundete Monarch sich bewegen 
lassen möchte, in diesem Sommer Stockholm und die Aus— 
stellung zu besuchen. 
Von wahrhaft erquickender Art ist das natürliche, das 
männlich herzliche Bezeigen des Königs, das so gänzlich frei 
von herablassendem, von gnädig leutseligem, künstlich gemachtem 
Wesen wie von majestätisch erhabenem, feierlichem Getue bleibt. 
Sein Händedruck, der Blick seiner blauen Augen, der Ton 
seiner Stimme schon sind unmittelbar gewinnend; und wie 
gute, freundliche Dinge liebt er dem, mit dem er spricht, 
zu sagen! 
Um !/211 Uhr wurde zum Abendessen gegangen. Der König 
und die Prinzen boten Damen der Gesellschaft den Arm und 
durchschritten, von der Menge der nachflutenden Gäste ge⸗— 
folgt, die Empfangssäle, den weiten, mit Blattpflanzen und 
blühenden Gewächsen heiter dekorierten Flur, in welchem das 
große Tee- und Kaffeebüfett errichtet stand. Aus diesem 
traten sie in den riesigen, sonst auch als Ballsaal dienenden 
„weißen Saal“ ein. Es ist ein langgestreckter, glänzend be—⸗ 
leuchteter, prächtiger Raum, dessen meist weiße Wände durch 
kannelierte, vergoldete, korinthische Pilaster zwischen grünlich⸗ 
grauen Marmoreinfassungen gegliedert werden. Den Plafond 
bedecken pomphafte, allegorische Gemälde, deren schwülstige 
Komposition und Grazie die Zeichnung und die brillante
	        
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