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Zur Geschichte der Renaissance-Herme

Full text: Gesammelte Reden und Aufsätze / Meyer, Alfred Gotthold (Public Domain)

Attribut des Erasmus, ein Symbol ohne tektonische Funktion. 
Anders die beiden Hermen am „Gehäus“. Sie sind Vertreter 
jenes zweiten Gestaltenkreises, aus welchem die Renaissance bei 
der Bildung ihrer Hermen Nahrung schöpfte, Träger des Ge- 
bälkes, Nachkommen antiker Telamonen. Und unten, als 
seitliche Einfassung der Schrifttafel,. dienen zwei jener seltsamen 
Zwittergeschöpfe, deren Zusammensetzung aus einem weiblichen 
Oberkörper, geschupptem Fischleib und Akanthusblättern im 
Anschluß an antike Nereiden der Welt der Grottesken ent- 
nommen ist. 
Dieses Blatt ist in den dreißiger Jahren des 16. Jahr- 
hunderts entworfen. Eine lange, reichhaltige Entwicklungsphase 
der Renaissancedekoration trennt es von den Holzschnitten der 
Hypnerotomachia, und diese Entwicklung schließt auch die 
der Herme als tektonisches Glied und als Grotteskenornament 
mit ein, für welche Holbeins Titelblatt schon das Stadium der 
Reife vor Augen führt. 
Die Ausbildung der tektonisch fungierenden Herme spiegeln 
besonders die Illustrationen zu den theoretischen Schriften über 
die Baukunst. Die von Vitruv ausgesprochene antike Anschau- 
ung, welche die Säulenordnungen mit dem Menschen in Parallele 
setzt, fordert eine anthropomorphe Bildung geradezu heraus, zu 
der ja die Antike in ihren Karyatiden und Telamonen auch 
schon selbst gelangt war. Die bildlichen Erläuterungen zu Vitruvs 
Angaben hierüber verdienen freilich meist nur soweit unsere Be- 
achtung, als sie zeigen, welche Vorstellungen die Renaissance 
mit einzelnen den Hermen analogen Gestaltenkreisen des Alter- 
tums verband. Die erste Ausgabe Fra Giocondos von 1511 
(Venedig) sucht sich dabei offenbar auf antiken Boden zu stellen. 
Ihre Frauen in durchscheinendem Chiton, mit gelöstem Haar, 
sind als Karyatiden antiker empfunden, als ihre in überreiches 
Renaissancekostüm gehüllten Schwestern im Komasker Vitruv 
von 1521, und auch die „Perser“ stehen bei Fra Giocondo trotz 
ihrer seltsamen Tracht der Antike doch noch näher als die 
wüsten Gesellen bei Cesare Cesariano. In dessen 
Ausgabe gesellt sich zu den Illustrationen der Karyatiden 
bereits eine Abbildung, welche äußerlich schon eine nähere Be- 
ziehung zur Herme besitzt: eine canellierte Säule, die statt des 
Capitäles einen weiblichen Kopf trägt, die „cariatum columnarum 
commutatio“. Auch Caporalis Vitruv von 1536 (Perugia) 
zeigt neben den noch störrischer gewordenen Karyatiden und 
Atlanten diese Figur, aber schon in einer bezeichnenden Maodi-
	        
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