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Das St. Joseph-Krankenhaus der Grauen Schwestern

Full text: Die katholische Charitas in Berlin / Fournelle, Heinrich (Public Domain)

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vom Geistlichen Rath Müller ins Leben gerufenen Vereinigung 
katholischer Universitätsstudenten, dem sogenannten Leseverein, 
der im Vereinshause Nr. 11 in der Niederwallstraße sich ver— 
sammelte, ward diese Angelegenheit lebhaft besprochen. Da 
einer der verstorbenen Studenten, ein Graf Schafgotsch, vergeblich 
eine Graue Schwester aus Neisse begehrt hatte, so konnte es 
nicht ausbleiben, daß man im Studentenverein auf Mittel sann, 
eine Niederlassung dieser Schwestern für Berlin zu ermög— 
lichen. Ein Comité, bestehend aus den vier Studenten Lossen, 
von Hertling, Brume und Stahl, nahm die Sache in die Hand. 
Bald waren 300 Thaler gesammelt, eine Wohnung gemiethet in 
dem Hause Nr. 11 der Niederwallstraße, und am 27. April 
1863, dem Schutzfest des heiligen Joseph, zogen drei Schwestern 
daselbst ein; es waren die Schwestern Theresia Lorenz, 
Chlotilde Biefel und Alfonsa Rudolph. Hülfreiche 
Hand bot denselben in der ersten Zeit ein Fräulein, namens 
Agnes Klammt, eine Verwandte des geistlichen Rathes 
Müller. Diese Dienstleistungen belohnte Gott der genannten 
Person mit der Berufung zum Ordensstand; heute ist dieselbe 
General-Oberin der ganzen Congregation der Grauen Schwestern. 
Nicht leicht und bequem machte Gott seinen Lieblingen den 
Anfang ihrer Berliner Thätigkeit. In tiefster Armuth be— 
gannen sie ihre Haushaltung; nicht einmal- Kochgeschirr, noch 
Löffel oder Gabeln waren vorhanden; erst nach und nach stellten 
sich Wohlthäter ein, welche wenigstens das Nothwendigste schenkten. 
Groß war auch die Furcht der Schwestern, sich in die Oeffent— 
lichkeit hinauszuwagen, besonders als es sich zuerst darum handelte, 
Einkäufe auf dem Markte zu machen. Schon das ungewohnte 
Großstadtleben schüchterte sie ein, und dann fürchteten sie auch 
durch ihre Tracht den bekannten schlechten Witz der Berliner 
herauszufordern. 
Auch den Weg zu den Kranken fanden die Schwestern nicht 
so leicht, wie man geglaubt hatte; je mehr man vorher nach 
Pflegeschwestern gerufen hatte, desto weniger begehrte man die— 
selben, als sie wirklich da waren. — Mißtrauen war es, das 
man in der Bevölkerung den Ankömmlingen entgegenbrachte; mit 
rechten Dingen — dachte der Berliner — konnte das Alles doch 
nicht zugehen. Da mußte noch irgend ein Schwindel — ein
	        
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