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Der "Gute Hirte" in Charlottenburg

Full text: Die katholische Charitas in Berlin / Fournelle, Heinrich (Public Domain)

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In eine zweite neuere Gartencapelle lenken wir unsere 
Schritte. Der Altarbau trägt in Lebensgröße eine Kreuzigungs— 
gruppe von überwältigender Wirkung; das sterbende Antlitz des 
göttlichen Heilandes ist niedergesunken auf die Brust, als eben 
die Worte verklungen: Es ist vollbracht. Maria und Johannes 
assistiren wie zwei Leviten dem Opferpriester, und ihre schmerz⸗ 
durchzuckten Züge bitten Jene, die täglich hin und wieder auf 
eine Minute hier eintreten, ihr Knie zu beugen in Erinnerung 
an des liebenden Erlösers bitteres Leiden und Sterben und in 
reumüthiger Erinnerung an die eigene Sündenschuld, die Ursache 
solcher Leiden. An der Wand, dem Kreuze gegenüber, stehen 
St. Bonaventuras schöne Worte geschrieben: „Sterbender Heiland, 
ich weiß, daß du mich liebst.“ Ueber dem Eingangsthor zum 
Hause vom Garten her blickt uns wieder der leidende Heiland 
entgegen; überall im Hause des Guten Hirten tritt Jesu Bild 
in vielfacher Darstellung uns vor Augen; von besonders berühmten 
Kreuzigungsbildern hat man Gypsabgüsse genommen und die 
leidenden Züge des Heilandes als immerwährende Predigt den 
Ein- und Ausgehenden vor Augen gestellt. 
In dem am weitesten in den Garten hineingelegenen Ge— 
bäude ist die große Classe, wie hier die Abtheilungen genannt 
werden, untergebracht. Zu ebener Erde befindet sich der Speise— 
saal für die ca. 200 Zöglinge der großen Classe. Ueber diesem 
ist der Nähsaal. Etwa 100 Zöglinge besorgen in Gegenwart 
einer oder mehrerer Schwestern Weißnähen. Alle sind ziemlich 
auf die gleiche Weise gekleidet; besonders durch die unvermeid— 
lichen, weißen Häubchen ähneln sich Alle in ihrem Aeußern. 
Mit dem lauten Gruß: Gelobt sei Jesus Christus, werden wir 
beim Kommen und Gehen begrüßt; eigenartig auch berührt es 
zu hören, wie Alle gemeinsam ein Lied singen zur reinen Himmels— 
königin. All diese großen Kinder hat Maria gewiß auch unter 
hren mütterlichen Schutz genommen, sie, die Zuflucht der Sünder 
und die Trösterin der Betrübten. 
Im Hause des Guten Hirten befinden sich augenblicklich 
unter der Obsorge der Schwestern etwa 325 Zöglinge. Mehr 
können die Anstaltsräume auch nicht aufnehmen. Kinder von 
15 und 16 Jahren und Erwachsene von 20, 30 und 50 Jahren 
leben hier zusammen; alle aber ohne Ausnahme heißen
	        
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