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Sibirischer Tiger

Full text: Lebende Bilder aus dem Reiche der Tiere / Heck, Ludwig (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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SIBIRISCHER TIGER. Ich glaube, dieser Ausdruck mutet gar Manchen ähnlich an, wie 
„mit kaltem Wasser kochen“! Und doch hat diese vermeintlichen Gegensätze unser 
zrosser Tierhändler Carl Hagenbeck in den letzten Jahren mehrfach zusammengebracht, 
.ndem er aus Östsibirien, aus dem Amurgebiet, Tiger einführte. Auch aus anderen 
uordischen Gegenden Asiens hat er sie gebracht: heute hausen bei uns nicht weniger 
als 5 Tiger auch im Winter in den Aussenkäfigen, und wir haben für sie einen besonderen 
Anbau auf der Rückseite des Raubtierhauses gemacht, damit sie nicht länger den tropischen 
Verwandten ihre Sommerkäfige versperren. 
Der Tiger ist ebensowenig, wie der Leopard, ein rein tropisches Tier. Man muss 
Javon abkommen, ihn sich nur im Rohrdschungel oder Urwald Indiens vorzustellen, und 
ernen, Schneebilder mit Tigern für bare Wirklichkeit zu nehmen. Der Tiger geht nicht 
aur durch China nordwärts bis ins Amurgebiet nach Ostsibirien, sondern auch durch Hoch- 
asien westwärts über den Altai bis nach Nordpersien ins Gebiet des Aralsees und bildet 
n dieser ungeheuren Länderstrecke natürlich eine ganze Anzahl verschiedener geographischer 
Formen. 
Die schönste davon ist der Ostsibirier: er streitet sich mit dem bengalischen Königs- 
iger um den Schönheitspreis. An Grösse und Schwere giebt er ihm sicher nichts nach, 
st nur in der Farbe stumpfer. Und wenn er den dicken Winterpelz angelegt hat, in dem 
nan die Hand vergraben kann und der Schweif so stark erscheint, als ob man ihn mit 
yjeiden Händen nicht umspannen könnte, dann entschlüpft ein Ausruf des Erstaunens jedem 
3esucher, der zum erstenmal diesen Katzengoliath vor sich sieht. Freilich ist dann das 
ürstaunen nicht minder gross, wenn der Wärter erscheint und die gefährliche Riesenkatze, 
:anz wie ein zahmer Schmeichelkater, mit Kopf und Körper gegen die Gitterstäbe drängt, 
ım sich liebkosen zu lassen, dabei fortwährend den charakteristischen Freundschaftslaut 
lurch die vibrierenden Lippen stossend, der sich am besten durch die beiden Buchstaben „fr“ 
achahmen lässt und sehr wohl zu unterscheiden ist von dem Zornesfauchen aus der Kehle.
	        
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