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Königstiger

Full text: Lebende Bilder aus dem Reiche der Tiere / Heck, Ludwig (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

KÖNIGSTIGER. Woher dieser Ausdruck? Weil man unabweisbar das Bedürfnis gehabt 
hat, dem mächtigen, imponierenden Eindruck, den die grosse, schwere Tigerform vom 
vorderindischen Festlande unbedingt macht, auch im Namen einen Ausdruck zu geben. 
Daher der „bengalische Königstiger.“ Ich gehe aber noch weiter. Im „Tierreich“ erkenne 
ich unbedenklich dem Tiger den ersten Schönheitspreis vor dem Löwen zu, weil mir dessen 
Mähnenschmuck nicht den Farbenreiz des Streifenfelles ersetzen kann. Solch wundervoll 
herkulischem Muskelbau, wie er an dem Vorderteile unseres riesigen, mindestens 1m 
hohen und 6 bis 8 Centner schweren bengalischen Königstigers so weich und locker und 
doch so gewaltig und kraftstrotzend bei jedem Schritte spielt, hat kein Löwe, und hätte 
er ihn, so deckte ihn die Mähne zu! Dagegen finde ich nicht, dass die Querstreifung des 
Tigers die Körperformen sehr verwischt und verschleiert, wie das die Ringelfleckung des 
Leoparden ohne Zweifel thut; andererseits muss ich allerdings zugeben, dass ein plastisch 
Jlargestellter Tiger ohne seine Farbe mir immer ebenso fremd vorkommt wie ein modellierteı 
‚eopard. „Fremd“ wird manchem Beschauer auch die hervortretende rechte Schulter des 
‘igers auf unserem Bilde vorkommen. Ich glaube, ein einigermaassen vorsichtiger Künstler 
vürde Anstand nehmen, einen Tiger so zu malen in Rücksicht auf die officielle Kunst- 
;ritik, die allerdings oft nichts weniger als „tierverständig“ ist. Der Augenblicksaufnahme 
vird mans glauben, dass unser Königstiger in dieser Lage so aussieht. 
Nun noch ein Wort über „das blutdürstigste aller Raubtiere, das jedes Wild jagt 
ınd überwältigt, mit Vorliebe aber den Menschen!“ Diese und ähnliche schallend im 
3rustton der Ueberzeugung vorgetragene Redensarten des Menageriecrklärers werden 
nanchem Leser noch aus seiner Jugendzeit in den Ohren klingen! Mich erinnern sie an 
je Jahrmarkts-Messe meiner stillen Vaterstadt, wo Menageriegestank mir berauschender 
Nohlgeruch war, Heute sehe ich jeden Tiger als Person an: der eine hat diesen, der 
ındere jenen Charakter, und das richtet sich ganz ohne Zweifel nach den persönlichen 
„ebensschicksalen, wie das ja auch natürlich ist bei einem so hochstehenden edlen Tiere.
	        
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