Path:
Band 12 Die falsche Hofdame und der falsche Kammerherr (eine Gerichtsverhandlung in Potsdam

Full text: Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung / Friedländer, Hugo (Public Domain) Ausgabe 12 Band 12 (Public Domain)

x 
daß der Angeklagte eines Tages in Frauenkleidern zu ihr 
kam und vier Paar Damenstieiel bestellte, die zu einer Grä- 
ir geschickt werden sollten. — Stabsarzt Dr. Noack und 
Dr. Magnus Hirschfeld äußerten sich wie in der schöffenge- 
richtlichen Verhandlung. — Proiessor Dr. Freiherr von 
Schrenck-Notzing (München): Ich habe den Angeklagten 
Eichbaum ebenfalls eine Zeitlang beobachtet. Der Ange- 
klagte erzählte mir: Er habe noch in einem Alter mit Puppen 
gespielt, in dem sonst Knaben den: nicht mehr zu spielen 
pflegen. Auch habe er olt weibliche | ”zndarbeiten gemacht. 
Er ist ein erblich belasteter abnormer i"2nsch von psychisch 
labilem ”rstande, der die Folgen seiner .iondlung in keiner 
Weis“ sich. übe-Inot. Intellekiuell ist er auch nicht sehr be- 
gabt. Falc-’  Zchelt er auf Gebieten, auf denen sonst 
nur Frauen ©, “zonders hervortun, so auf dem Gebiete 
des Ten: ” Seine Lier"--“eschriftsteller sind 
Platen - “einer sexue-r "’eranlagung nach 
kann er _Wichster Is Psychohemos--ueller bezeichnet 
werden. Er} 2, an einer gewiss?” ..nteuerlust, hat eine 
Vorliebe für _chauspielern und icı zchr eitel und putzsüch- 
tig. Seine \.cndlungen führt er ohne viel Vorbereitungen 
aus, es fehli !ım ;;des logische Weiterdenken, er sieht nur 
das Nächstliegende; das ist ein Begabungsmangel eines 
Schwachsinnigen. Er ist nicht imstande, den momentan 
auftauchenden Impulsen zu widerstehen. Er wußte gar 
nicht, was er in Potsdam tat. Er war so eingenommen von 
dem Gedanken, Frau zu sein, daß er keine Bedenken gegen 
seine Handlungsweise hatte. Er mußte seinen Trieb befrie- 
digen, auch als er sich von dem Schutzmann beobachtet 
glaubte. Eine derartige sexuelle Triebbefriedigung schließt 
aber die freie Willensbestimmung nicht aus. Beim Ange- 
klagten war das Leitmotiv seines Handelns nicht der Ge- 
danke, einen raffinierten Juwelendiebstahl zu begehen, son- 
dern er erlag der Autosuggestion, ein Weib zu sein. Wenn 
er auch bestraft wird, dieser Trieb ist bei ihm nicht zu besei- 
tigen. Er ist nicht ausgesprochen veisteskrank, aber ver- 
mindert zurechnungsfähigz. Es ist ‚nm schon zu glauben, 
daß er nur die Absicht hatte, einen Streich auszuführen. — 
Staatsanwaltschaltsrat Boeltger beantragte, die Berufung
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.