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Sitzung mit 13. November 1928.
Freunden — auch mit uns — ganz elendiglich ant
Boden lag. Er weiß auch heute offenbar gar nicht
mehr — das Agitationsbuch für die neue Wahl ist
wohl schon geschrieben —, daß damals noch sehr viele
andere Leute tatkräftig am Werke waren und sein
mußten, damit wir überhaupt etwas retteten.
(Stadtv. Krille: Noch sind!)
Nicht wahr, Herr Krille, wir find ganz ehrliche Bundes
genossen gewesen.
Wollen wir die Sache doch nial, wenn es auch
schwer fällt, ganz nüchtern betrachten. Da stellt sich
dieses Vorhaben doch als eine ganz logische Konsequenz
des Verfahrens vom Jahre 1923, an dem gerade ich
und meine Freunde besonderen Anteil hatten, heraus.
(Bei den Komm.: Das stimmt allerdings!)
Nun kommt ja gleich ein Triumph für uns. Ich habe
niemals einen solchen Lobgesang aus die Privatgesell-
schastsform gehört wie heute. Wenn Herr Dr. Loh-
mmtit recht hat, dann ist ja die Aktiengesellschaft doch
eigentlich das Beste, was unter Gottes Himmel auf der
Erde entstand.
(Heiterkeit.)
(Stadtv. Dr. Lohmann: In kommunaler Hand!)
Ich muß Ihnen sagen, meine Damen und Herren,
auf die Gefahr hin, von Herrn Dr. Lohmann für
geistig ganz minderwertig erachtet zu werden, daß für
mich die Aktiengesellschaft noch keineswegs das höchste
der Gefühle ist. Ich habe Ihnen gelegentlich ausein
andergesetzt, daß die Sache auch ihre verschiedenen
Seiten hat.
Nun ist mir ganz klar, wenn bei einer solchen
Ueberschwenglichkeit Herr Kollege Dr. Lohmann voll
ständig daneben gerät in der Voraussetzung seiner
Gegner. Es wäre ja doch furchtbar bequem gewesen,
wenn die Deutschnationalen ihn hier allein auf weiter
Flur hätten siegen lassen. Herr Kollege Lvhmann, so
gerne ich Ihnen einen Gefallen tue, tu diesem Falle
müssen Sie uns leider als Bundesgenossen annehmen.
(Heiterkeit.)
(Stadtv. Dr. Lohmann: Im Ausschuß las man
es anders!)
Ja selbst das Lesen versteht man nicht immer. Auch
das muß gelernt werden,
(Heiterkeit.)
namentlich muß man deutsch lesen können.
(Stadtv. Krille: Ihre Fraktionsfreunde sind
vernünftiger als Sie!)
Aber, lieber'Herr Krille, da sind Sie ganz im Irrtum.
Na, nun wollen wir mal ein bißchen auf die Sache
eingehen.
(Heiterkeit.)
Ich denke, für heute ist Herr Dr. Lvhmann genügend
gedämpft, und er wird das Agitationsbuch für 1929
wohl nun weiterhin mit etwas Zurückhaltung schreiben.
(Zuruf: Im Gegenteil!)
Meine Freunde erkennen die Bedeutung
dieser Sache für unser Verkehrs
wesen an.
Nicht als ob das nun die ultima ratio wäre. Wie
ich schon im Ausschuß gesagt habe, bestünde durchaus
die Möglichkeit, die Verwaltung auch in der bisherigen
Form fortzusetzen. Herr Stadtrat Reuter ist — sehen
Sie, darin sind Wir Deutschnationalen anders als
Sozialdemokraten — trotz der Umgebung ein gattz
ausgezeichneter Organisator geworden. Das können
wir neidlos anerkennen. Er hat sich auf seinem Posten
ganz des Vertrauens würdig erwiesen, das ich ihm von
Anfang an entgegengetragen habe. Er würde die Sache
auch allein mit 3 Direktoren weiter geschmissen haben.
Wenn nun etwa 5 an die Stelle treten, dann weiß ich
nicht, ob das glücklicher ist. Aber man kann es machen.
Zweifellos ist von entscheidender Bedeutung, daß
die Bereinigung nicht — wie nannte Herr Loymann
cs — ein Kreditinstrument, sondern eine Kredit-
gru ndlag e schafft. Wir wollen es mal juristisch
genau formulieren. Unzweifelhaft ist die vereinheit
lichte Gesellschaft Eigentumsgesellschaft. Wir wollen
das Wort Besitzgesellschaft nun nicht mehr gebrauchen.
Es sind zuviel Juristen unter uns, die verderben.immer
die behagliche Redeweise. Man muß dann genau
sprechen. Also es ist eine Eigentumsgesellschaft. Eine
solche Eigeutnmsgesellschaft von diesem Ausmaß wird
zweifellos eine bessere Kreditgrundlage geben. Freilich
nur für sich. Ich wiederhole: Das grundsätzliche Be
denken meiner Freunde bleibt bestehen. Indem wir
diese R i e s e n v e r m ö g e n s g r u n d l a g e aus
dem allgemeinen städtischen Vermögen
herauslösen, w i r d der allgemeine
K r e d i t d e r S t a d t B e r l i n nicht gefördert.
Da wir ja nächstens in der Lage sein werden, bezüglich
der Wasserwerke, der Elektrizitätswerke und der Gas
werke in ähnlicher Weise zu verfahren, so kann ich
dem Herren Kämmerer von Berlin voraussagen:
Sein Sprungbrett zu allgemeinen An-
leih e n wird für die Zukunft schmaler werden,
(Rechts: Sehr richtig!)
und das hat er sich selber mit zuzuschreiben. Natürlich
sagt er: Wir müssen unbedingt jetzt, und zwar gerade
so, Kredit bekommen, können ihn 'auch auf diesem Wege
kriegen. Ob das letztere so der Fall ist, weiß ich auch
nicht.
Wir haben noch andere Bedenken. Ich sagte
schon, es gibt noch schönere Sachen — z. B. eine nette
Koalitionsmöglichkeit ist viel hübscher als eine Aktien
gesellschaft.
(Heiterkeit.)
Aber zugegeben, man kann mit der Aktiengesellschaft
gerade bei einem solchen riesigen Unternehmen natür
lich arbeiten, wenn man es nämlich richtig macht.
Nun, meine Damen und Herren, hier haben meine
Freunde ganz erhebliche Bedenken, die mich durch die
Lobrede des Herrn Dr. Lohmann doch nicht haben
zerstreut werden können. Sie wissen ja, wie hoch ich
die Intelligenz der Stadtväter einschätze. Wem Gott
ein Amt gibt, dem gab er schon früher, sagte man, auch
den Verstand. Aber es muß doch anerkannt werden,
daß die Stadtverordneten von Berlin in ihrem Amte
etwas reichlich viel Verständnis nötig haben. Und
wenn sie nun eine Aktiengesellschaft von diesem Aus
maß als Aufsichtsratsmitglieder neben den Mitgliedern
des Magistrats betreuen sollen, dann verzeihe man mir
gelinde Zweifel, ebenso meinen Freunden. Die Sache ist
nicht richtig aufgezogen. Daher unser dringender Wunsch,
daß, wie es bisher der Fall war, Sachverständige
außerhalb dieses Gremiums, nicht politisch eingestellte
Kenner der Sache, sondern Sachverständige rein
technisch-wirtschaftlicher Art tätig sein sollen. Meine
Damen und Herren, wenn große Wirtschaftsunternehmer
dieses Unternehmen aufziehen wollten: würden sie
Stadtverordnete wählen? Vielleicht einzelne.
(Zuruf des Stadtv. Dr. Caspari.)
Würden sie nur Stadtverordnete wählen, nur?
(Zuruf des Stadtv. Dr. Caspari.)
Ja, ja, aber, nicht wahr, das entscheidende kamt doch
nicht der Begriff Stadtverordneter sein oder der Be
griff Magistratsmitglied. Die politische Einstellung ist
unwichtig. Den Mann, der die Leitung hätte, würde
dieser große wirtschaftliche Unternehmer, na sagen wir
mal mit Gold aufwiegen. Aber — und darauf lege ich
das entscheidende Gewicht — er würde sich doch den
allerersten Fachmann der ganzen Welt für ein Unter
nehmern suchen, das das allergrößte der Welt ist.
Meine Damen und Herren! Indem wir das
Schwergewicht darauf legen, daß die Mitglieder dieses
Aufsichtsrats, die doch schließlich die entscheidenden
Faktoren sind, Parteipolitiker sind, wird die Sache
grundsätzlich falsch aufgezogen, da die Mitglieder dieses
Aussichtsrats, wenn es hart auf hart kommt, lediglich
politische Standpunkte zu vertreten haben.
(Bei den Deutschnat.: Sehr richtig!)