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Full text: Reden gehalten im Festsaale des Berliner Rathauses (Public Domain)

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geplanten Attentats auf die Freiheit künstlerischen Schaffens 
bedeuten, aber wir sind weit davon entfernt, zuzugeben, daß 
die Gefahr, die über den Häuptern der deutschen Künstler und 
Dichter schwebt, damit aus der Welt verschwunden ist. Solange 
der neu geschaffene Begriff der gröblichen Schamverletzung 
durch nichts Unzüchtiges auf Werke ernsten und reinen 
kuͤnstlerischen Schaffens angewendet werden kann, solange der 
sittlich entrüstete Denunziant, der pflichteifrige Polizist, der 
Staatsanwalt, der Strafrichter und im Verein mit allen vier 
der ästhetisch unausgebildete Normalmensch (Bravo!) zu ent⸗ 
scheiden haben soll, was in deutschen Landen Kunst ist und 
was nicht, solange werden die Befürchtungen nicht schwinden, 
die sich der deutschen Kunstwelt bemächtigt haben. Und weil 
wir nicht müde werden dürfen, unsere Position zu vertheidigen, 
darum haben wir Sie, m. H., hierher an diesen feierlichen 
Ort geladen, der uns von den städtischen Behörden in gütiger 
Weise zur Verfügung gesiellt wurde, denn wir wollten 
abseits von der Erregung der Volksversammlungen, mit 
einander berathen und unseren Freunden ans Herz legen, was 
uns bedrückt. Wir wollten noch einmal der ganzen kunst⸗ 
liebenden deutschen Welt zurufen, daß wir die auf uns ge— 
münzten unglücklichen Paragraphen der sogenannten lex Heinze 
als eine unerhörte Belästigung unseres Gewissens em— 
pfinden (lebhafter Beifall), daß wir dieses Gewissen stolz und frei 
erhalten wollen (Beifall), daß es sich nicht geziemt, uns einen 
kuͤnstlichen Morast von künstlichen Sünden zu schaffen, in dem 
die Unbefangenheit unseres Gestaltens rettungslos versinken 
muß, — das wollten wir und wir wollen mehr! 
M. H., es ist ein bemerkenswerthes Zeichen unserer Zeit, 
daß gewisse allgemeine Redewendungen, die lange Jahre als 
abgestandene, abgegriffene Phrasen gegolten haben, heute keine 
Phrasen mehr sind. Worte, wie „Freiheit der Kunst“, „Un⸗
	        
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