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Full text : Berliner Adreßbuch (Public Domain) Ausgabe 1918 (Public Domain)

freilich in ihren letzten Ausläufern, in der buntesten
Mannigfaltigkeit zu Hause. „Schmucksachen“, wie sie
vor Jahren der „Plundermatz“ ausbot, der nach alten
Lumpen fragte und seine Gegenleistungen nicht in landes⸗
üblichem Gelde, sondern auf dem Wege des Tausch—
handels in einem Paar Ohrringen oder einer Brosche
darbot, bemalte Porzellantassen mit der Inschrift „Zum
Geburtstage“ oder, Dem Hausherrn“, bunte Lithographien
zum Schmuck für Bierstuben des niedrigsten Ranges und
dergleichen Flitter mehr.
Jedesmal, wenn ich hier vorübergehe, erinnere ich
mich, wie ich einst hier vor einem Kunstwerk ahnungsvoll
und bewundernd gestanden habe; es ist freilich schon
vierzig und einige Jahre her, und ich war noch sehr jung
Das Kunstwerk war ein buntes Taschentuch; seitdem
mir der Begriff „Tertilindustrie“ geläufig geworden, ist
es mir allmählich klar geworden, daß der Stoff, aus
welchem es hergestellt war, ein recht geringer Kattun
gewesen ist. Aber nicht der Stoff zog mich an, sondern
die künstlerische Ausstattung. Auf diesem Taschentuche
war nicht allein der Tert von Nikolaus Beckers damals
nagelneuem Rheinliede abgedruckt, sondern dieser Terxt
durch allerlei bildliche Darstellungen so eingehend er—⸗
läutert, daß man ganz genau vor Augen sah, was man
sich darunter zu denken hatte. Die grünen Hügel, die
am Rheinstrom stehen, die hohen Dome, die sich in seinem
Spiegel sehen, die Raben, die sich heiser schreien, die
Herzen, die sich am Feuerwein laben, das Ruder, das
schallend in die Wogen schlägt, das alles sah man leib⸗
haftig vor sich; es waren nicht Schatten, die der Wahn
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