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"Der Sieger" ; "Der junge Goldner"

Full text: Die "neue Richtung" / Goldmann, Paul (Public Domain)

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Schlechte Hofkunst gibt es freilich auch, und in Berlin gibt 
es die Siegesallee. Im Hinblicke auf diese hat, wie am Premioren⸗ 
abende die Eingeweihten versicherten, Max Dreyer sein Schauspiel 
geschrieben. Denn Max Dreyers Spezialität sind die politischen 
Anspielungen. Die Siegesallee ist gewiß ein schönes Thema für 
einen politischen Satiriker, und es läßt sich mancherlei sagen über 
diese Massenfabrikation von Markgrafen, Kurfürsten und Königen 
aus Stein; über diese Standbilder, die jedenfalls ein wertvolles 
mnemotechnisches Hilfsmittel sind, um sich Namen von branden⸗ 
burgischen Herrschern einzuprägen, die man sonst wohl niemals 
erfahren haben würde; über diese Fürsten, die ein Denkmal er⸗ 
halten haben, weil sie berühmt sind, und deren Ruhm, in einigen 
Fällen wenigstens, nur dadurch bewiesen wird, daß sie ein Denk— 
mal erhalten haben; über diese Marmorstatuen, an denen der 
Volkswitz Kritik übt, indem er auf die Frage: „Was stellen sie 
vor?“ zur Antwort gibt: „Bald das rechte Bein und bald das 
linke.“ Max Dreyer hat also ein Stück über die Siegesallee 
schreiben wollen, ein politisches Stück. Man sitzt da und wartet 
auf die Politik. Aber die Politik kommt nicht. Doch nein, da ist 
sie. Gespräch zwischen dem Professor Hammerschmidt und der 
Dame Olga Bruck. Es fallen die Worte Republik und Monarchie. 
„Sie sind die reine Republikanerin,“ sagt der Professor. Olga 
Bruck wehrt ab. „Nun, Sie sind doch für die freie Liebe,“ fährt 
der Professor fort. Olga Bruck antwortet: „Gewiß bin ich für 
die freie Liebe; aber es ist niemand so frei.“ Die Erörterung über 
Monarchie und Republik schließt mit dieser Bemerkung ab, wobei 
noch die Feinheit zu beachten ist, daß die Dame Olga Bruck, die 
sich darüber beklagt, daß niemand so frei ist, sie frei zu lieben, 
allem Anscheine nach eine alte Jungfer ist; und nachdem der Autor 
in so glänzender Weise seine politische Satire hat spielen lassen, 
ist von Politik in dem Drama fürder nicht die Rede. 
Max Drehyers schlechtes Stück hat wenigstens einen hübschen 
ersten Akt. Er spielt auf der Insel Rügen. Die Künstler, die am 
Ostseestrand in der Sommerfrische waren, treten die Heimfahrt an. 
Sie nehmen Abschied von den wackeren Leuten, die sie beherbergt 
haben, von Looks, Frau Looks und Tochter Looks, und steigen ins 
Boot, das sie nach Swinemünde bringen soll. So segeln sie ins 
Meer hinaus. Looks blickt ihnen nach. Und nun begibt sich das 
Unglaubliche: An der Landspitze kehrt das Boot um. Die Künstler 
kommen wieder, und bald sind sie oben am Hause. Es ist unmög— 
lich, an einem so wunderschönen Abend abzureisen. So haben sie 
sich entschlossen, umzukehren und noch ein wenig zu bleiben. Das 
heißt, entschlossen haben sie sich nicht. Heinz Brinker, der am 
Steuer saß, hat einfach gewendet; und er ist umgekehrt, weil er 
in der Eile der Abfahrt vergessen hat, der Tochter Looks zu sagen, 
daß er sie liebt und daß er entschlossen ist, sie zu heiraten. Das 
ist Max Dreyers eigentliche Note, und er hätte sie beibehalten
	        
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