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"Die Hoffnung"

Full text: Die "neue Richtung" / Goldmann, Paul (Public Domain)

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ringen. „Das ist verflucht traurig,“ sagt der Rheder und läßt so⸗ 
gleich von seinem Buchhalter feststellen, ob die Versicherungspapiere 
in Ordnung sind. (Etwas gar zu unmenschlich, dieser Rheder! So 
verknöchert ist keiner, daß er nicht bei einei folchen Unglück mehr 
Mitleid zeigen würde. Und das Mitleid kostet ja auch nichts.) 
Den Schaden, den der Rheder durch den Verlust des Schiffes er⸗ 
leidet, wird die Versicherungsgesellschaft decken. Für die Witwen 
und Waisen, welche die Schiffer hinterlassen, ist ein Fonds vor— 
handen — 300 Gulden für alle zusammen! 
Die Schreckensnachricht hat sich rasch im Dorfe verbreitet. 
Bald finden die Angehörigen sich ein, um fich die Bestätigung zu 
holen. Kein Geschrei, keine großen tragischen Ausbrüche. Eine 
dumpfe Verzweiflung, welche die Glieder lähmt und die Kehle 
zusammenschnürt. Sie hören, was der Buchhalter ihnen sagt, der 
gleich grob wird, wenn sie ihn zu viel fragen, finden keine Worte 
und wanken hinaus, blaß wie die Leichen. Mutter Kniertje kommt 
zuletzt. Ob es denn wahr ist? — Ja, es ist leider wahr. — Sie 
fällt auf einen Stuhl und wird ohnmächtig. Der Rheder befeuchtet 
ihr die Schläfen und bringt sie wieder zu sich. „Und ich habe 
ihm noch selber die Hände losgemacht!“ Sie will aufstehen und 
gehen. „Warten Sie,“ sagt der Rheder, „meine Frau will Ihnen 
noch etwas mitgeben.“ Jawohl, die gnädige Frau schickt ihr zwei 
Töpfe mit Milch. Die zitternden alten Hände könuen das Ge— 
schenk der gnädigen Frau nicht halten; der Buchhalter stellt es 
ihr auf den Schoß. „Aber Sie möchten nicht vergessen, morgen 
die Töpfe zurückzuschicken.“
	        
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