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"Die Hoffnung"

Full text: Die "neue Richtung" / Goldmann, Paul (Public Domain)

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Schwerste dulden muß, um sein kümmerliches Dasein zu fristen 
— ein kerniges, ein treuherziges, ein des tiefsten Mitleides wür— 
diges Volk. 
Im kleinen Hause der Fischerswitwe Kniertje spielen die 
ersten drei Akte. In der ärmlichen Stube ist nichts zu sehen von 
all dem Zubehör des „holländischen Interieurs“: keine blank 
gescheuerten kupfernen Gefäße, kein Delfter Porzellan. Holländisch 
ist nur das große und breite Fenster, und holländisch ist das Licht, das 
durch dieses Fenster einfällt: ein sehr helles Licht, wie es in diesem 
Lande leuchtet, wo die Sonne ins Wasser scheint und das Wasser 
die Strahlen zurückwirft. Frau Kniertje ist Witwe, und in dem 
Dorfe ist an Witwen kein Mangel. Die Männer gehen auf den 
Häringsfang. Dabei kommt es immer wieder vor, daß das Meer 
eines der kleinen Schiffe entzweischlägt und die Fischer in seinen 
Wellen begräbt. Was soll man da machen? Man weint, man 
betet, — aber das Meer tut doch, was es will. Damit die Leute 
in der Stadt ihre Häringe bekommen, ist es nötig, daß von Zeit 
zu Zeit Frauen ihre Männer verlieren und Kinder ihre Vaͤter. 
„Die Fische kosten viel,“ sagt der alte Cobus, der Bruder der 
Frau Kniertje, der ein Philosoph ist und im Altemännerstift 
wohnt. Wenn die strenge Hausmutter, die im Stifte die Aufficht 
führt, ihm das Ausgehen erlaubt, kommt er mit seinem Haus⸗ und 
Stubengenossen Daantje zur Schwester herüber, um ein ver— 
stohlenes Schnäpslein zu trinken. Und nun ist ihm gar die Ehre 
widerfahren, daß er in Frau Kniertjes Zimmer dem Fräulein 
Bos, der Rhederstochter, zu einer Zeichnung Modell sitzen darf, 
weil er ein so malerischer alter Mann ift. 
Die Frau Kniertje hat ihren Mann auf dem Meere verloren. 
Der Bruder des Manues ist ebenfalls bei einem Schiffbruch um— 
gekommen, der Vater auch. Man ertrinkt ein wenig gar zu viel 
in dieser Familie. So ist es gekommen, daß Barend, der jüngste 
Sohn der Frau Kniertje, sich vor dem Meere fürchtet. Ein wackerer 
Bursche sonst, der allen zu Willen ist; aber diese schreckliche Furcht 
kann er nicht überwinden. Man soll alles von ihm verlangen — 
nur nicht, daß er da hinausgeht. Da draußen wartet der Tod; 
—D 
daß auch er mit den Fischern ausführe und ein wenig Geld ins 
Haus brächte. Ist es nicht eine Schande, daß kin großer 
Junge mit gesunden Gliedern sich so an der Mutter Schürze 
hängt? 
„Na, möchtest du es nicht doch versuchen?“ fragt der Rheder 
Bos. In den nächsten Tagen soll die „Hoffnung“ ausfahren, und 
es fehlen noch zwei Mann zur Besatzung. „Komm', Jungelchen, 
schlag ein!“ sagt der Rheder und hält ihm die Hand hin. Barend 
will nicht, um keinen Preis. Er wehrt sich, er schreit; es sieht 
beinahe aus, als wollte er weinen. „Mein Vater ist ersoffen, mein 
Onkel ist ersoffen, ich mag nicht ersaufen.“ Es nützt nichts, daß
	        
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