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"Die Hoffnung"

Full text: Die "neue Richtung" / Goldmann, Paul (Public Domain)

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gestalten, mit einfachen Mitteln das Herz zu ergreifen; man wird 
an Pierre Loti's „Islandfischer“ erinnert, die ähnliche Vorgänge 
behandeln und die für diese Kunst, durch schlichten Ausdruck starke 
Wirkungen zu erzielen, ein klassisches Vorbild sind. Und darum 
steht das Drama so hoch über den letzten Bühnenwerken des 
deutschen Naturalismus, weil es sich nicht wie diese damit begnügt, 
ein mühsam zusammengeklaubtes Häuflein Realität auf dem 
Theater auszukramen, sondern weil durch alle Wirklichkeitsschilde⸗ 
rung immer der Schlag eines warmen Herzen vibriert. Sogar 
Humor ist dabei, derber und behaglicher Humor aus den Nieder⸗ 
landen; es wird manch ein kräftig Wörtlein gesprochen, ganz in 
der Art, wie man manches gemalt sieht auf den Kirmeß- und 
Wirtshausbildern des Teniers oder des guten Jan Steen. Der 
deutsche Naturalismus hat den Humor ausgeschlossen. Der deutsche 
Naturalist kann mit seiner „ernsten“ Kunst den Humor nicht 
vereinbaren — besonders wenn er keinen hat. 
Nun sind gewiß alle jene Kritiker im Recht, welche auf die 
großen Ahnlichkeiten hinweisen, die zwischen dem Drama von 
Heijermans und Gerhart Hauptmanns „Webern“ bestehen. Das 
holländische Seestück ist von dem schlesischen Weberstück sichtlich 
inspiriert. Heijermans hat aus diesem besten Drama Hauptmanns 
fast alle seine Technik gelernt. Das „Procédé“ der „Weber“ ist 
auf holländische Verhältnisse angewendet. Dasselbe Verfahren, das 
dort dazu gedient hat, die Existenz der armen schlesischen Weber 
in Bühnenbilder zu fassen, wird hier dazu benützt, um das Leben 
der armen holländischen Schiffer auf dem Theater dazustellen. Hier 
wie dort mengt sich ein wenig Sozialismus darein. In den 
„Webern“ kehrt ein Soldat, der bei der preußischen Infanterie 
gedient hat, mit aufrührerischen Ideen nach seinem Dorfe zurück; 
in der „Hoffnung“ kommt ein Matrose, der bei der niederländischen 
Marine gedient hat, als Revolutionär aus dem Gefängnis heim. 
Und was die dramatische Grundidee der „Hoffnung“ anlangt, so 
ist sie auch schon dagewesen, in Ibsens „Stützen der Gesellschaft“: 
Der Rheder schickt ein Schiff aufs Meer hinaus, von dem er 
weiß, daß es nicht seetüchtig ist. Doch hat diese Grundidee in der 
„Hoffnung“ eigentlich nicht allzu viel zu bedeuten, weil das Drama 
eben nicht die Stützen der Gesellschaft behandelt oder sich doch uur 
nebenbei auch mit ihnen beschäftigt. Es kommt weniger auf den 
Rheder an als auf die Schiffer. Irgend eine dramatische Idee ist 
irgend woher genommen und als Handhabe benützt, um das Elend 
dieser Leute auf das Theater zu bringen. 
Darum darf man nicht von einer Ibsenkopie reden, und 
von einer Hauptmannkopie ebensowenig. Es ist noch keine Kopie, 
wenn ein Schriftsteller da und dort einiges entlehnt. Die Frage 
ist nicht, was er genommen, sondern was er daraus gemacht hat. 
Und wer etwas daraus zu machen weiß, mag nehmen, was er 
findet. In der Literatur gilt: „Was ich zu beleben vermag, ist
	        
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