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"Der Tod des Tintagiles" ; "Die Macht der Finsternis"

Full text: Die "neue Richtung" / Goldmann, Paul (Public Domain)

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sticht mit seinem Schwerte zur Tür hinaus, aber er trifft nie— 
manden, aus dem einfachen Grunde (nicht alle Gründe sind in 
diesem Drama so einfach), weil niemand da ist. Die Schwestern 
erklären jetzt, daß in dieser Nacht nichts mehr geschehen wird. 
Der Zuschauer fragt sich, woher sie das wissen? Die Frauen 
legen sich zum Schlummer nieder und halten Tintagiles dabei 
mit ihren Armen umschlossen. Der Zuschauer fragt sich, ob man 
gut daran tut, zu schlafen, wenn man ein Kind gegen eine mör— 
derische Königin zu schützen hat, die nebenan wohut? 
Es dauert auch nicht lange, so erscheinen, Hand in Hand, 
die drei Dienerinnen der Königin, in graue Gewänder gehüllt, 
von grauen Schleiern umwallt. Sie dringen in das Schlafgemach 
ein, lösen Tintagiles aus der Umschlingung der Schwestern und 
führen ihn fort. Der Zuschauer fragt sich: Warum gibt Tintagiles, 
der sonst unablässig weint und greint, gerade jetzt keinen Laut von 
fich? Schwester Ygraine wacht auf und irrt verzweifelt über die 
Treppen und durch die Gänge, bis sie endlich vor einer eisernen 
Tür anlangt. Hinter dieser Tür hört sie Tintagiles' Stimme. 
„Schwester Ygraine!“ ruft das Kind. Doch die Schwester schlägt 
sich vergebens die Hände blutig und kratzt sich die Nägel wund 
an der eisernen Tür. „Tintagiles!“ schreit sie jammernd. Tinta— 
giles gibt keine Antwort mehr. Die alte Konigin ist gekommen 
und hat ihn ermordet, hinter der eisernen Tür. 
Das Drama ist zu Ende, und der Zuschauer fragt sich, 
welches Vergnügen denn diese alte Königin dabei findet, diesen 
armen kleinen Prinzen hinter dieser eisernen Pforte umzubringen? 
Nein, sagt die Maeterliuck-Gemeinde, so muß man es nicht nehmen, 
der ganze Vorgang ist symbolisch. Den Gläubigen des Sezessio⸗ 
nismus kam Fritz Mauthner diesmal zu Hilfe, indem er das 
Symbol erklärte: Das Drama, schrieb der Kritiker des „Berliner 
Tageblatt“, will zeigen, wie machtlos wir sind, wenn der Tod 
sich entschlossen hat, uns ein geliebtes Kind zu rauben. Dann 
stehen wir alle vor der eisernen Tür des Verhängnisses und 
schlagen uns vergebens die Hände blutig. Der Greis, der mit 
zitternder Hand ein nutzloses Schwert führt, ist vielleicht der Arzt, 
die Königin jedoch, die furchtbare, die ungenannte Königin, kann 
sicherlich nur den einen Herrschernamen tragen: La mort. 
Die Deutung ist geistreich und einleuchtend. Wenn das 
Drama ein Symbol enthält, so hat das Symbol aller Wahr— 
scheinlichkeit nach keinen andern Sinn als diesen. Allein das mag 
so fein erdacht, so zart empfunden als nur möglich sein: es ist 
kein Theaterstück. Wo kommen wir hin, wenn wir jetzt auf einmal 
Personen und Handlung des Dramas symbolisch nehmen sollen? 
Das bedeutet: das Drama, das sich da vor unseren Augen ab— 
rollt, ist nicht das eigentliche. Das eigentliche Drama spielt in 
weiter geistiger Ferne. Wir müssen nicht nur auf die Bühne sehen, 
sondern zugleich über die Bühne hinaus. Die Moral jenseits von
	        
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