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Illustrirtes Panorama.
goldene Uhr ans seinem Busen und betrachtet sie. — „Ge
gen sechs." —
„Beim Satan, und noch keine Antwort! Die Reichs
rathssitzung muß längst vorüber sein!" —
„Soll Andrews hinüber und nachfragen?" —
„Nein, nein! Wir leben nicht in einer Zeit, wo ein
altes Weib und ein halbes Kind genug Schutz für dies Hans
sind. Wenn ich sterbe, will ich's nicht unterm Schimpf!" —
„Ich bin Mann's genug, Vater, Dir Einen wenigstens
voraus in's Jenseits zu senden!" —
„Spare Deine Stöße für Dich selbst und die Sache
des Rechts. Wirst noch den Arm prüfen lernen, mein Sohn!
— Was wart' ich auch, als wenn ich, was geschehen mag,
nicht wüßte? — Ja, ja Fenimore," und er winkte dem
Frauenbilde zu: „Ich komme schon! Zürne nicht, daß das
Scheiden mir schwer wird, lächle nicht über das eitle Hoffen
meines armen Hirns, — Du weißt ja, wie sehr ich leide!"
— Er versank wiederum in stilles Brüten. — Die plötzliche,
fiebrische Erregung machte einer Abspannung Platz, er schloß
die Augen und fiel in einen kurzen Schlummer, den seine
Pfleger durch kein Geräusch zu stören wagten. —
Der Edelmann, welcher augenscheinlich an den schweren
Folgen einer Wunde darnieder lag, der Gebieter dieser öden,
traurigen Hallen, der Gatte jener schönen, muthig blickenden
Frau und Vater dieses finstern, wilden Buben war unlängst
noch ein Held, hoch zu Roß an seines Königs Seite gewesen
und Niemand Geringeres, als Ogylvie Sinclair, der vertraute
Freund und Adjutant Carls XII., welcher vor kaum einem
Vierteljahre in den Laufgräben vor Frederikshald in Norwe
gen schnell und räthselhaft von einem stürmischen Leben
glänzender Kriegsehre geschieden war. Ogie oder Ogylvie,
der letzte Zweig eines einst reichen, mächtigen schottischen
Stammes, hatte als eifriger Parteigänger Jakob Stuarts
in der Revolution sein Vermögen verloren, seine Verwandte,
alle Glieder seines Clans fallen sehen, und war, nur von
Fenimore Hamilton, seiner Braut, deren Vater gegen die
Dränier geblieben war, wie von Andrews und Nancy beglei
tet, seinem vertriebenen Könige in's Exil gefolgt. Er nahm
fortan den dunklen Stern in sein Wappen auf und nannte
sich Sinclair, in dem resignirten Bewußtsein, daß für das
unselige Geschlecht der Stuarts jedes Hoffen vergebens sei.
Ritterlichkeit hatte ihn bisher an die verlorene Fahne ge
fesselt, der er Alles geopfert, aber als der Ruhm Carls XII.
die Welt dnrchklang, er im nordischen Kriege mit Peter
dem Großen seine Kräfte zu messen begann, da eilte Ogie
mit ächtem Abenteurermuthe unter die schwedischen Schaaren,
schlug Karls Schlachten, theilte seine Strapazen, und stieg
rasch in der Gunst des Herrschers, denr endlich nicht mehr
wohl war, wenn er seinen tollen Schotten nicht um sich sah.
Nun war der große König dahin, und auch Ogie lag to
deswund! —
Plötzlich wurde die Stille durch einige Schläge an der
Pforte des Thurmes unterbrochen. Alle fuhren enrpor.
„Man hat geklopft! Vier Mal!" —
„Geh hinab Andrews und öffne; sie sind's!" —
Der Diener eilte sogleich hinunter, und während der
Kranke sich auf den linken Arm stützte und sein Haupt ein-
por nach der Thür richtete, trat Malcom, die Hand auf seiner
Waffe, an die Schwelle und lauschte.
„Ein junger Falke, dem tapfer die Fänge wachsen!"
murmelte Sinclair, sein Kind betrachtend. „Er wird uns
keine Schande machen, Fenimore; Gott verleih ihm nur
mehr Glück!" —-
Bald darauf klangen eilige Schritt- und der Schein
eines Lichts drang herauf. — Zwei schwedische Officiere, in
Mäntel gehüllt, traten hastig ein, von Andrews gefolgt, war
fen ihre Umhüllung von sich und näherten sich ernst.
„Gott grüß Euch, Freunde!" sagte der Leidende bewegt,
und reichte ihnen die Hand. — „Andrews, ist das Thor zu?"
„Ja, Herr!" —
„Verriegle die Thüre! — Und nun, General Steen
bock, sagt gleich Alles. Ist noch Hoffnung, Graf Horn zu
retten?"
„Keine mehr, Ogie!" und der General seufzte schwer.
„Ribbing und seine Schaar, Olaf Sturlason, Ekesjö
und Björneberg, alle Mützen überschreien unsere Freunde!
Adels so rs war sogar in Gefahr, aus dem Reichsrath ge
stoßen zu werden! —- Man stimmte auf Tod. — Hurn
ward hereingeschleppt und ihm die Sentenz vorgelesen. Vom
Leben zum Tode durch's Beil, morgen auf dem Ritterhaus-
Platze. Der russische Botschafter Dolgorukv lachte hell
aus, als man den Armen hinwegführte!" —
Der Kranke ächzte schwer und sank auf die Kissen, der
Seelenschnierz schien den seines Körpers weit zu überragen.
„O Karl, Karl, so ist Dein königlich Werk gleich Dir
vernichtet. Auch Dein Geist mußte aus Schweden verbannt
werden, damit das Russenthum, die Mützen und Bärte frei
einziehen können in Skandinavien und Nichts nlehr die Gier
des Czaren Peter, den Norden Europa's mit asiatischem
Barbarenthum zu erfüllen, aufhalte!" —
„Denkt nicht an Karl und Schweden mehr," sagte der
andere General, „denkt an Euch selbst!"
„Mich selbst? — Haha, was giebt es da zu denken?
Glaubt Ihr, Rhemschöld, daß diese Nachricht die Wunde
heilen wird, die mir am Leben nagt? Nein, Freunde, ich
werde dem wackren Horn, der seinem Herrn in's Grab folgt,
nicht nachzustehen brauchen. Ich verstehe sehr wohl die Mie
nen meines Arztes, und wo's mit mir hinaus will?" —
Eine ziemliche Pause erfolgte. —
„Ist es nicht möglich, Sinclair, Euch heute noch von
hier weg zu bringen?" begann ängstlich gepreßt Steen -
bock. „Mein Schlitten mit den Leuten ist vor der Thür
und" ■—
Sinclair hatte heftig den Kopf erhoben, stützte sich
auf die Faust und sein Antlitz durchflammte tiefe Gluth. —
„Also die Schurken des Reichsraths wagen sich auch au
mich? Was ist geschehen? Was will man von einem halb
todten Manne?" —
„Ogie, es ist das traurige Loos Eurer Freunde," sagte
Rhemschöld, „Euch den Todesstoß geben zu müssen, auf
den Schimpf Euch vorzubereiten, in dem Ihr enden sollt.
Vor ihm Euch zu erretten, damit die Wahrheit nicht ganz
gefälscht werde, Ihr wenigstens in Frieden sterben könnt,
wollen wir Euch hier fortbringen, sollte uns, Karls Waffen-
gefährteu, auch ein gleiches Geschick wie Horn drohen!"
sprach Rhemschöld bewegt.
„Man will mich ansheben? Meine letzten Stunden
mit Advokatenkniffen martern? — Man hat mich angeklagt!
Wessen?" ■—-
„Faßt Euch wie ein Mann, Ogie, und handelt, wie
Ihr müßt, damit Euer Andenken rein bleibe," erwiderte
Steenbock. „Der Reichsrath hat Euch angeklagt, in den
räthselhasten Tod König Karls verrätherisch verwickelt zu sein,
und beschlossen, Euch gefänglich einzuziehen und zu verneh
men. — Ihr müßt verborgen werden, daß nicht die Qual
des Leibes Euch zu Aussagen hinreiße, von denen Euer Herz
Nichts weiß!" —
Sinclair hatte sich im Bett ausgerichtet und die Red
ner starr betrachtet; plötzlich brach er in ein krampfhaf-
tes Gelächter aus. „Hahaha, nicht übel! Nachdem sie den
Siggert nach Petersburg geschickt, ihn somit in Sicher
heit wissen, Horn verurtheilt, unser wackerer Arensfeld
mit seinen Tapferen dem norwegischen Winter erlegen ist
und jetzt den Bären und Wölfen zum Futter dient, wollen
sie aus mich, der dem Tode verfallen ist, ihre eigene
Schmach werfen? Gut ausgedacht! — Sie haben eine Ah
nung, daß ich ihnen fürchterlich werden könne, und um in
mir den einzigen, letzten, schlimmsten Ankläger nicht fürchten
zu müssen, darum klage» sie mich an, wollen in meinem