Path:
I.

Full text: Der Apoll von Bellevue! / Truth (Public Domain)

79 
Unberechenbare! Ein Ocean, dessen Wogen und Wel- 
len sie nicht ihr kleines Lebensschifflein anvertrauen 
wollte, weil sie sich nicht kräftig und stark genug fühlte, 
gegen Sturm und Wind des Weltmeeres zu kämpfen 
— und wenn sie auch gegen das Unwetter mühselig 
steuerte, würden nicht endlich doch blinkender Sonnen- 
schein, glänzender Wellenschaum ihre sicheren Augen 
blenden, so dass sie die Herrschaft über sich und das 
Steuer verlor und führerlos das schwache Fahrzeug 
ihres Schicksals in den Strudel gerissen, an den ersten 
besten Klippen zerschellen musste? Annas solidem 
Sinn war alles Unsichere verhasst! Ihre gewissermassen 
ideal veranlagte Natur besass einen festen Gegensatz 
in dem ihr von ihrer Mutter überkommenen praktischen 
Sinn; sie liebte die Kunst, aber die Bohöme war ihr 
entsetzlich! Sie war glücklich gewesen, dass Ernst, 
trotzdem er durch die Aufführung seines Stückes mit 
der Bühne in Beziehungen getreten, wenig oder gar 
nicht mit Schauspielern verkehrte! — Sie konnte schön- 
heitstrunken sich an fremdem Reichtum begeistern, 
ohne dass je der leichtsinnige Wunsch nach eigenem 
Besitz in ihr aufgestiegen wäre. Trotz ihrer Träume, 
welche sie in ein Märchenland von Königen trugen, war 
sie zufrieden in ihrem bescheidenen Haushalt gewesen, 
dessen kleine Ausgaben sie bestreiten, weil sie sie be- 
rechnen konnte, und hatte sich behaglich in dem ein- 
tönigen Leben einer kleinen Stadt gefühlt, dessen Ver- 
gnügungen selbst etwas Regelmässiges haben!! Aber 
Berlin und die neue Wohnung bedeutete Pracht und 
Eleganz. Und gar die gesellschaftlichen Verpflichtun- 
gen, welche seine Anstellung mitbrachte und von denen 
ihr Gatte stets verzückten Auges sprach — wie stellte 
sich dies alles aus einem für grosss!ädtische Ausgaben 
doch nur geringe Einkommen her? — Freilich, Ernst 
hatte ja nun den festen Zuschuss aus der Rheinischen 
Zeitung — seine Bücher wurden auch gut bezahlt — 
und sie selbst verdiente! Vorgestern erst hatte man 
ihr 200 Mark für ihre kleinen Erzählungen gesandt, 
die sie lächelnd und doch pochenden Herzens in ihrem 
Schreibtisch aufgehoben! Wenn sie nun ganz und gar
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.