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I.

Full text: Der Apoll von Bellevue! / Truth (Public Domain)

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auch ohne jeden Pfennig nehmen, denn ich glaube, 
ich habe endlich meine Muse gefunden.“ — 
So ehelichte Mellnau die blonde Anna Uhlisch, 
nicht nur zum aufrichtigen Entsetzen seiner ehrgeizigen 
Brüder, die Ernst so gern in irgend eine „feine Familie‘ 
hineingeheiratet hätten (reich und seit mindestens 15 
langen, grauen Jahren zwischen dem Brandenburger 
Thor und dem Zoologischen Garten residierend), son- 
dern auch zum rührenden Bedauern unzähliger „fin 
de siecle Fräuleins‘“, welche vormittäglich zwei Stun- 
den den Tiergarten in Begleitung einer Mademoiselle 
oder je nach gesteigertem Wissensdrang und erhöhtem 
Honorar, einer Miss ‚oder Signorina, unsicher machen, 
und abendlich in Begleitung der Frau Mama, den 
Kopf voller Heirats- und Toilettenfragen, gar aufmerk- 
sam den musikalischen Genüssen der Hochflut unserer 
Konzerte folgen, um sich nachher im Arm junger 
Rechtsanwälte, Börsenmakler und anderer beachtens- 
werter Ehestandskandidaten bleichsüchtig und müde zu 
tanzen! 
Al’ diese tugendsamen, gebildeten, reichen, musi- 
kalischen' Dämchen hätten „so riesig gern‘ den inter- 
essanten Dr. Mellnau geheiratet, dessen Besitz unzählige 
kleinliche, ehrgeizige Pläne in ihren Vogelhirnen er- 
weckt. Würden sie einmal durch Ernst, der Jurist und 
Dichter zugleich, doch auch mit der Poesie (welch’ eine 
neue raffinierte, nicht häufig vorkommende Pose) ver- 
wandt, während es doch auch klar auf der Hand lag, 
dass sie durch Mellnaus Brüder, den Legationsrat und 
den Bankdirektor, mit dem auswärtigen Amt vielleicht 
gar — welch’ ein Stolz — mit Bismarck und der haute 
finance und höchstwahrscheinlich — o, welche Wonne! 
mit Bleichröder in Beziehungen kämen??? 
Unverheiratet hatte Ernst viel in der Berliner Ge- 
sellschaft verkehrt, deren Abgott der hübsche, lebens- 
lustige, kluge Mann bald wurde. Nur ungern hatte er 
kurz nach vollendetem Assessor-Examen die Haupt- 
stadt verlassen und nur unter dem Druck des Le- 
gationsrates, seines, einen grossen persönlichen Ein- 
fluss auf ihn ausübenden ältesten Bruders, der ihn ver-
	        
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