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II.

Full text: Der Apoll von Bellevue! / Truth (Public Domain)

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Man verzieh es ihr in diesem orthodoxen Kreise 
nicht, dass jene hochherzige Frau mit vollen Händen 
— aber nicht nur an ihre eigenen Glaubensgenossen 
gab. Dass sie einst an einem hohen Festtage, als ihre 
Dienstboten nicht anwesend, einem wandernden Hand- 
werksburschen selbst eine Suppe gekocht, eigenhändig 
das Herdfeuer dazu angemacht. Von dieser Schauer- 
mär sprach Rabbi und Bocher auch noch nach Jahren. 
— Aber das Schrecklichste an jener Missethat hatte 
doch in jenen Worten der Frau Beer gelegen, die 
ihrer Nachbarin, welche ihr Vorwürfe über ihr Thun, 
das noch dazu einem Christen zugute käme, gemacht, 
ruhig geantwortet: „Als ich den Armen fragte, woher 
ar sei und was er wäre, sagte er „hungrig“ — das 
hat mir genügt, dass er meiner Hilfe bedarf — was 
soll ich da lange mich kümmern, was er ist und was 
er glaubt?“ 
So blieb Frau Beer in der engen Stadt, ruhig 
weiter schaltend, unendlich viel Gutes thuend inmitten 
unzähliger Feinde! Selbst die Heirat ihres Sohnes mit 
Friederike. Lorbeck, der Nichte jenes Geheimrat Lor- 
beck, welchen der „Figaro‘ so oft gefällig den „ersten 
deutschen Finanzier‘““ nannte, selbst jene Verbindung 
brachte sie nicht dazu, ihre Heimatstadt zu verlassen. 
„Ihr seid glücklich, Ihr braucht mich nicht!“ Da- 
mit hatte sie alle Briefe, Einladungen abgeschlagen, 
war weiter in ihrer stillen Heimat, in der russigen. 
schmutzigen Kleinstadt geblieben, 
Als aber nach Jahresfrist die junge Frau Friederike 
Beer kurz nach der Geburt eines Töchterchens starb, 
Aa verkaufte Frau Sarah ihr Geschäft für eine Baga- 
telle an ihren ersten Prokuristen, „der nun auch was 
haben sollte“ — und zog zu ihrem Sohn, weniger um 
ihn zu trösten, denn der Verlust jener aus Konvenienz 
geheirateten Frau hatte auf Wolf Beers Herz kaum 
einen Eindruck gemacht, — wohl aber um sich der 
Erziehung der kleinen verwaisten Enkelin zu widmen, 
So wohnte Sarah nun in dem Beerschen Haus „Unter 
den Linden“. Es war in jenem ehemalig gräflichen 
Palais, in dessen rückwärtigem Flügel Wolf Beer einst
	        
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