Path:
Wilhelm Recknagel

Full text: Neu-Berlin / Szczepanski, Paul von (Public Domain)

19 — 
begriffen, gefälscht war. Auch Wilhelm Recknagel gegen— 
über waren die Leute vorsichtig trotz seines offenen und 
ehrlichen Gesichtes, und trotzdem er nichts aus seiner 
Vergangenheit verheimlichte. Auf ehrliche Gesichter geben 
Menschenkenner ja schon lange nichts mehr, und Offenheit 
ist die beste Maske für denjenigen, der etwas zu ver⸗ 
bergen hat. Daß Recknagel von Simon Herbenstein 
nicht wieder engagiert war, das war das Entscheidende; 
diese mußten doch wohl weniger von seiner Unschuld 
überzeugt gewesen sein als der Untersuchungsrichter. 
Aber Recknagel ließ sich nicht abschrecen, er suchte 
weiter; er wußte ja, daß ihm, wenn er keine Arbeit 
fand, sein Ende sicher war, ein trostloses Ende, — vor 
Hunger und Kälte umzusinken und zu sterben auf der 
Gasse wie ein Tier. Vielleicht hätte den Zusammen⸗ 
gebrochenen auch noch rechtzeitig ein humaner Mann auf⸗ 
gefunden, der für seine Ueberführung nach dem Kranken— 
hause Sorge getragen hätte, wo er gepflegt worden wäre, 
bis er sich so weit gekräftigt, daß er den Kampf ums 
Dasein von neuem wieder aufnehmen konnte. Aber an 
diese trostreiche Möglichkeit, die in einer Weltstadt voll 
humaner Einrichtungen und Anstalten durchaus zu den 
Wahrscheinlichkeiten gehört, dachte Wilhelm Recknagel 
nicht; er dachte nur an das entsetzliche Ende und bäumte 
sich mit der ganzen Kraft seincs jungen Lebens da— 
gegen auf. 
Aber als er tagelang vergebens gewandert war, in 
bitterer Kälte unzureichend gekleidet, notdürftig nur ge— 
nährt, und ruhelose Nächte im Asyl der Obdachlosen oder 
auch in einem unbewohnten Neubau der Vorstadt zu⸗ 
gebracht hatte, in den er sich flüchtete, wie ein Tier in 
seine Höhle, wenn er im Ashl keinen Platz mehr frei 
gefunden hatte, da schwand seine Energie, und stumpf⸗ 
finnig sah er dem Eudbe entgegen. Zwar fand er sich 
noch täglich vor der Druckerei des Intelligenzblattes ein 
und kaufte das Blatt, in dessen Spalten täglich viele 
Hunderte von Arbeitern gesucht wurden. Aber elend in 
seinem Aussehen, mit glänzenden Augen, die ihn wie
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.