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Erstes Kapitel. Die Gräfin aus der Rue vieux Jacques

Full text: Emma / Stinde, Julius (Public Domain)

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Nein, sie sahen und hörten diese Schändlichkeit nicht. 
Sonst wären die edlen Geschöpfe, übermannt von gerechtem 
Zorne, durchgegangen, über die Straße weg in den Delikatessen— 
laden hinein, Alles zermalmend: das Schaufenster, die Artischocken, 
die Mandarinen, die Kieler Sprotten, die Konserven, sich, den 
Wagen, die Kommis, den Besitzer, zumal jedoch den heimtückischen 
Kutscher! 
So aber standen sie lammfromm, das Bild eines gut 
bevormundeten Staates. 
Die schöne Dame schritt in das Haus hinein. Ihre seidene 
Schleppe rauschte — das Meter unbezahlt 82 Mark 50 Pfennige 
ihr Busen hob sich wie in Angst. 
Sie machte Halt, als wollte sie umkehren. 
War kein guter Genius vorhanden, der ihr zurief: „Kehre 
Du bist auf falscher Bahn“? 
Nein. Kein Genius thut heute etwas ohne Honorar. 
Sie hatte kein Geld. Woher auch sollte sie welches haben? 
Freilich war sie die Zweite in der ersten Reihe des 
Operettenchors mit einer glänzenden Gage von vierzig Mark 
monatlich, aber nur, indem sie außerordentlich rechnete, konnte 
sie hiernit auskommen. Für gute Geniusse hatte sie nichts 
übrig, und wenn sie noch so sehr darbte. 
Aber sie kam aus. 
Auf dem Sterbebette hatte ihre Mutter gesagt: „Emma, die 
Tugend ist der größte Schatz. Wahre ihn wohl.“ — Dies 
versprach sie. Und sie hielt Wort. Denn sie hatte einen 
felsenfesten Charakter. 
Der Leser wird wohl schon ahnen, daß die schöne reiche 
Dame keine andere ist als Emma. 
Woher aber das seidene Kleid, die Edelsteine, die Equipage, 
die vier Grauschimmel? 
Die Tugend hatte sie so weit gebracht.*) 
Der Graf Szmoltopsti sah sie in ihrer entzückenden Rein— 
heit, erste Reihe, die Zweite im Operettenchor. Der Graf war 
ein Operettenkenner, er war zwanzig Mal im „Obersteiger“ 
*) Nach dem Berichte eines Augenzeugen.
	        
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