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Dreiunddreißigstes Kapitel. Der Vampyr

Full text: Emma / Stinde, Julius (Public Domain)

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fiebrig nach dem Gifte. Auch in ihrem Innern entwickelte sich 
Sehnsuchtsgluth. 
„Blumenufer meiner Wünsche!“ fuhr der Sultan fort 
und riß mit wild tastender Hand den silberfädigen Seidenmull 
entzwei, der Emma's keuschen Götterbusen verhüllte. 
Dieser verwegene Angriff rief Emma für einen Augenblick 
ins Bewußtsein zurück. 
„Majestät,“ brachte die Unglückliche mühsam hervor, „be— 
tragen ... Sie ... sich ... anständig!“ — Dann versank 
sie wieder in das entsetzliche Wachtraumleben, wie es sonst nur 
noch Scheintodte haben. Aber diese leben nicht dabei. Das ist 
der Unterschied. 
„Wie ich Dich liebe!“ gluckste der Sultan. „Gegen meine 
Liebesgluth ist der Samum kühlender Zephyr.“ 
Der Sultan löste den kostbaren Rubinenkamm aus Emma's 
Haaren und warf ihn achtlos in eine Ecke. Emma's wunder— 
volle Frisur zu zerstören ... das reizte dieses Ungeheuer. 
Er wühlte in Emma's Haaren. Dies war Emma'n nicht 
ganz unangenehm, denn es war auch immer Szmoltopski's 
Manier gewesen, sich in Emma's Haarduft zu berauschen.*) 
Aber, wie der Franzose sagt, daß der Appetit nach der 
Suppe kommt, so wurde auch der Sultan immer unenthaltsamer. 
Draußen sangen die Phoenixe in den duftenden Jasmin— 
gebüschen ihre verführerischsten Liebeslieder, und der Hauch der 
Rosen wehte schmeichelnd herein. 
Allerdings hatte Emma den Sultan in den verflossenen 
Tagen als zaubervolles Traumbild umgaukelt und seine Ge—⸗ 
lüste verschönerten auch im Wachen die nächtlichen Phantas— 
magorien der Begehrenswerthen, allein so schön — so wie 
Emma so da lag — darin übertraf die Wirklichkeit jegliche, 
selbst krankhaft gereizte Vorstellung. 
Der Sultan sprach nicht mehr, er gurgelte nur noch Un— 
verständliches, indem er sein Gesicht schnaufend und schnüffelnd 
*) Sehr beliebt in allen modernen Romanen und Lebensskizzen und 
deshalb auch hier nicht übergangen. — NB. Diese Anmerkung ist nur für 
Hochgebildete.
	        
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