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Zehntes Kapitel

Full text: Villa Schönow / Raabe, Wilhelm (Public Domain)

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Wir fallen immer in die entferntesten gelehrten Re— 
miniscenzen, wenn von Fräulein Julie Kiebitz die Rede ist; 
aber wir retten uns immer wieder daraus und zwar steis mit 
freiestem Athem in das thau- und sonnenfroheste, fröhlichste 
und verständigste Grün des Daseins, wenn wir uns nur 
erst wieder ganz genau auf uns selber und die gute Seele 
dazu besonnen haben. 
„Die jute Seele!“ seufzte kopfschüttelnd und gerührt 
unser alter Freund Schönow, auf dem Provinzialbahnhofs— 
perron neben dem Bahnhofsvorstand einsam in den schönen 
Abend hinausschauend. „Ick will Ihnen Eens sagen, Männeken: 
keen Mensch weeß, was er an dem anderen hat, ehe er ihn 
fich fufzig Meilen weit her zur Hülfe verschrieben hat. Ob 
fie wohl kommen mag am Allerseelentag? fragt der Dichter, 
aber der jewöhnlichere Mensch bejnügt sich einfach mit die 
Frage: Kommt sie überhaupt, wenn ick ihr rufe? ... 
Stationskommandant, sie kommt! vorausjesetzt, daß ihr unter— 
wegs nich noch was passirt ist. Aber, Herr, der Deubel 
soll Ihnen holen, wenn —“ 
„Nur noch zehn Minuten, Herr Schönow,“ meinte be— 
ruhigend der Beamte. „Sie wissen, es ist eben ein ge— 
mischter Zug, und da giebt es immer hier und da eine kleine 
Verzögerung. Wird aber Alles eingeholt.“ 
„Schöneken!“ brummte der erwartungsvolle Waisen— 
vater Schönow mit ein wenig unsficherer Stimme. „Wird 
Alles einjeholt. Jemischte Züge! Anzüglichkeiten verbitte 
ick mir dringend, lieber Herr; zwei jeschlagene Stunden in 
Ihre öde Bahnhofsrestauration ist eben en bißken ville für'n 
aufjeregtes Gemüthe. Und überhaupt, kennen Sie Fräulein 
Julchen Kiebitz, daß Sie ihr so mit meine jemischte Züje 
und ihre Jefühle in Verbindung bringen? Bin ick oder 
Sie schuld, Herr, daß ick jetzt wie'n Pendel zwischen Ihr 
mangelhaftes Büffett und Ihr konfuses Telejraphensystem seit 
Mondaufjang hin und her schwanken muß? Sind Sie
	        
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