Path:
Fünfundzwanzigstes Kapitel

Full text: Alltagsleute / Meyer-Förster, Wilhelm (Public Domain)

G 292 
Menschen lag etwas — wie soll man sagen: nichts 
Vornehmeres, aber doch Freieres, Würdigeres, 
Erhabeneres. Er nahm jetzt eine falsch gelegte 
Serviette, glättete sie und schob sie zurecht. Aber 
diese einfachen Bewegungen waren nicht mehr die 
des Hoteldirektors, sondern des Gentlemans. Der— 
gleichen läßt sich nicht wohl beschreiben, man muß 
das gesehen haben, um den Unterschied zu begreifen. 
Klara lehnte mitten im Salon in einem Fauteuil 
und plauderte mit mehreren Herren. Wo ist ihr 
gedrücktes, scheues Wesen geblieben? Sie lächelt, 
wahrhaftig, sie lacht! Sie hat einen Fächer in 
der Hand und bewegt ihn miedlich hin und her. 
Ihre Wangen sind förmlich rund und gesund ge— 
worden, alles an ihr strahlt, und das weiße pracht⸗ 
volle Kleid muß jedermanns Neid erwecken. Wenn 
nicht die guten sanften Augen wären, würden wir 
unsre Klara vom Planufer oder aus der Borsig⸗ 
straße nicht wieder erkennen. 
Jetzt kommt eine dicke Frau in seltsamer Tracht 
herein, mit kurzen grünen Röcken, schneeweißen 
Strümpfen, einem riesigen bänderbesetzten Busen 
und allerhand Firlefranz am Anzuge. Sie trägt 
ein kleines weißgekleidetes Kind im Arme und ist 
in dasselbe so wahnsinnig verliebt, daß sie nach 
der Entwöhnung wahrscheinlich an Heimweh nach 
Richardchen sterben wird. Das klingt übertrieben,
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.