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Zwanzigstes Kapitel

Full text: Alltagsleute / Meyer-Förster, Wilhelm (Public Domain)

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Ueberlegen war sie jedoch nicht schnell genug, um 
sich bereits jetzt zu sagen, daß sie mit diesem Tausche 
höchst zufrieden sein könne, und erst nachher, als 
fie allein war, wurde ihr die Sachlage klar: daß 
sie nun wieder frei sei, keinen Ring mehr am 
Finger trage, und — ach, das Leben ist doch 
wunderschön! 
Nachher saß der Justizrat noch lange mit ihr 
und Abraham bei der Lampe zusammen. Abraham 
mußte sich auf die dringende Bitte des „greisen“ 
Vaters mit der entlobten Anna aussöhnen, und 
wenn nicht den ganzen Abend hindurch von des 
Anwalts Krankheit und nahem Tode die Rede ge⸗ 
wesen wäre, so hätte die Stimmung eine ganz 
hübsche sein können. Jedenfalls gab es selten eine 
friedlichere und würdigere Entlobung als diese, und 
der Anwalt war nachher, als er allein war, auf 
die guten Taten dieses Tages und seine unermeß⸗ 
liche Hochherzigkeit so stolz, daß er die Bitternisse 
des Alters und der Krankheitnicht mehr schwer 
empfand. 
Am andern Morgen wachte er nach einer traum⸗ 
losen Nacht merkwürdig wohl und gesund auf, trat 
an den Spiegel, zog die Vorhänge vom Fenster, 
trat wieder vor den Spiegel, rieb sich die Augen 
und traute kaum seinem Blick. Er sah im Spiegel 
zwar keinen Jüngling, natürlich nicht, jedenfalls
	        
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