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Erstes Kapitel

Full text: Alltagsleute / Meyer-Förster, Wilhelm (Public Domain)

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und niedlich, und da in allen Küchen erzählt wurde, 
daß Papa Kreiser sein Töchterchen bisweilen prügle, 
so wurde sie allgemein bedauert. 
Mit diesem Prügeln war das freilich nicht sehr 
schlimm. Der Photograph führte seiner Tochter 
gegenüber allerdings eine — wie man optimistisch 
sagt — ziemlich leichte Hand, aber neben seinen 
minderwertigen Eigenschaften hatte er doch auch 
ganz wackere Absichten, und eine derselben war 
die, aus seinen Kindern bessere Leute zu machen, 
als er selbst war. 
Als sie noch klein waren, ging er mit ihnen 
Sonntags spazieren, fing für Aennchen Schmetter— 
linge und ließ mit dem Jungen Drachen steigen, 
sparte in der Woche, um mit Frau und Kindern 
bisweilen in den Zoologischen Garten zu gehen, 
und war alles in allem eine Art von Idealvater. 
Aber die Frau starb, der Junge kam in die Lehre 
als Kellner und ließ sich kaum je noch sehen, und 
was Aennchen betrifft, so blieb sie mit zunehmen⸗ 
den Jahren auch nicht der niedliche kleine Kerl von 
einst. Sie trieb sich viel herum und überraschte 
Herrn Kreiser mit einem Kuß, den sie dem Photo— 
graphengehilfen in der Küche zuteil werden ließ. 
Der junge Mann erhielt daraufhin seinen Abschied 
und Aennchen eine kleine Tracht Prügel, die sie 
mit so entsetzlichem Wehgeschrei quittierte, daß die
	        
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