Path:
Sturm

Full text: Mütter / Duncker, Dora (Public Domain)

55 
In dem kleinen, niedrigen Zimmer, in dem der 
Tisch gedeckt stand, war es erstickend schwül. 
Um die heisse Aussenluft abzusperren, waren die 
Fenster geschlossen geblieben. Hans Hagen hatte 
das Gefühl, als ob er in ein künstlich durchglühtes 
Grabgewölbe träte. Er riss mit nervöser Hast beide 
Fensterflügel auf, 
Friederike sprach noch immer kein Wort. Zu 
dem Mitleid trat es jetzt wie eine staunende, kopf- 
schüttelnde Verwunderung. 
Sie legte ihm die Suppe auf. Als er den Teller 
hastig und gedankenlos ausgelöffelt hatte, brach sie 
endlich das schwüle Schweigen. 
„Ein wahres Glück, Bruder, dass nächste Woche 
die Ferien anfangen.‘ 
„Wahrhaftig ja‘ — er fuhr mit den Fingern 
über div feuchte, kräftig gebaute Stirn — „ich gönn’s 
den Kindern bei dieser Temperatur.“ 
„Ich dachte nicht an die Kinder.“ 
Sie stand auf, stiess mit einer ungeduldigen Be- 
wegung den Stuhl hinter sich fort und verliess das 
Zimmer. 
Wenige Minuten später kam sie mit einer 
dampfenden Schüssel zurück. 
Hans sass noch genau ebenso da, über den 
Tisch ins Leere starrend, wie sie ihn verlassen hatte. 
Mit einem hörbaren Ruck setzte sie die Schüssel auf 
den Tisch. Dann legte sie dem Bruder Bohnen und 
ein grosses Stück gekochtes Hammelfleisch auf den 
Teller. 
Er fing auch sogleich, ohne aufzublicken zu 
essen an. Dass Friederike die Speisen nicht berührte, 
bemerkte er nicht einmal. 
Nach und nach stieg etwas wie unversöhnlicher 
Groll in dem Antlitz des alten Mädchens auf, und
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.