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Die Furcht vor dem Nackten

Full text: Berliner Kämpfe / Schlaikjer, Erich (Public Domain)

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LKleidet in der Poesie eine Schönheit vor den 
Lesern z. B. wie Goethe Dorothea, an — so 
habt ihr sie gezeigt; dasselbe gilt noch mehr, 
wenn ihr sie entkleidet.“ 
Das schrieb Jean Paul in ernster künst— 
lerischer Absicht am Anfang des 19. Jahrhunderts. 
Um Anfang des 20. bekämpft man die unkeusche 
Kunst, die von der unkeuschen Phantasie lebt, in— 
dem man ihr die Verkleidung aufzwingt, die sie 
so notwendig braucht. Die Sache wäre zum 
Cachen, wenn sie nicht so überaus traurig wäre. 
Man will allen Ernstes Böcklin aus den Schau— 
fenstern verbammen, während die Gifthändler 
schmunzelnd zusehen können, weil eben sie das 
Nackte in ihrem Geschäft so ganz und gar nicht 
brauchen können. Wäre eine umgekehrte lex 
heinze möglich, ein Gesetz, das jedem zur Pflicht 
machte, die menschliche Gestalt nur nackt 
darzustellen: die gesamte unanständige Presse 
wäre mit einem Schlage bankerott. Nun kann 
sie freilich lachen. Die aufrichtige Kunst, von der 
sie am meisten zu fürchten hat, wird bedroht, 
während sie selbst die Fallstricke des neuen Ge— 
setzes nicht zu fürchten braucht. Sie zeigt ein 
Hherrenzimmer und ein vergessenes Korset — dann 
hat sie, was sie will und was ihr Publikum auch 
will. Eben weil sie von Andeutungen lebt, wird 
sie nie zu fassen sein und wird auch nie gefaßt 
werden. Die Offenheit aber, die — selbst im
	        
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